EXIT-Deutschland in den Medien
Raus aus der rechten Szene - Aussteigerprogramme helfen Ex-Rechtsradikalen beim Neuanfang
Gabriel Landgraf bewegte sich 13 Jahre in rechtsextremen Kreisen und war sechs Jahre lang Mitglied der organisierten Neonazi-Szene. Er war Mitbegründer der mittlerweile verbotenen „Berliner Alternative Süd-Ost“ und des „Märkischen Heimatschutzes“ in Berlin, der in Brandenburg zu den größten Neonazi-Verbänden zählte. Im Jahr 2005 entscheidet sich Landgraf für den Ausstieg aus der Neonazi-Szene. Sein Entschluss, der Szene den Rücken zu kehren, kommt nicht plötzlich, sondern reift über mehrere Monate. Zweifel kommen auf, er entdeckt Widersprüche, die er nicht mehr verdrängen kann: Der nationale Stammtisch beim Kroaten oder Chinesen, bei dem kräftig über Asylmissbrauch diskutiert wird oder der Kameradschaftsführer, der am Abend nach Polen ins Bordell fährt. Floskeln über Treue und Familie von Männern, die zu ihren Kindern weder Kontakt haben noch Unterhalt bezahlen. Der Tropfen, der das Fass letztendlich zum Überlaufen bringt, ist ein Vorfall im Jahr 2005.
zum Artikel >>>
Mit freundlicher Genemigung des, Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH
aus: Die Kriminalpolizei rät...", Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH Anzeigenverwaltung; www.vdpolizei.de
Bernd Wagner im Interview mit Frédéric Valin
Mit Nazis reden
Soll man mit Rechtsextremen reden und wenn ja, wie? Und wenn nein, warum nicht? Reicht es zu sagen, man wolle nicht an jeder Mülltonne schnuppern, oder macht man es sich da nicht zu einfach? Ich habe dazu zwei Menschen befragt, die dafür plädieren mit Nazis zu reden: Bernd Wagner von Exit, einer Organisation, die Leuten hilft, aus der Szene auszusteigen, und Mathias Brodkorb, Mitglied des Landtages Mecklenburg-Vorpommern.
SPREEBLICK: Aus welchem Milieu stammen Ihren Erfahrungen nach Mitglieder der rechtsextremen Szene?
WAGNER: Soziologisch gesehen sind Menschen aus allen sozialen Klassen und Schichten dort anzutreffen. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den rechtsextremen Zusammenschlüssen. Junge Leute dominieren, besonders jüngere Männer. Diese bilden den vordergründig den aktionistisch-öffentlichen, radikalen Teil, das Gewaltmilieu. Geführt werden sie zumeist von Männern über 20 Jahre, manche „altgedient“ viele Jahre dabei. Junge Familien spielen eine zunehmende Rolle.
Eine vollständige Sozial- und Mentalitätsstrukturanalyse gibt es derzeit nicht, allenfalls verschiedene Splitter, die neben der Beobachtung der Szene, Zahlen und Proportionen von Szenemerkmalen darstellen. Ebenfalls ist das Gesamtpotenzial nicht klar herausgearbeitet, zumal die Muster, nach denen Rechtsextremisten als solche vermessen werden, höchst unterschiedlich aufgebaut sind, mitunter recht willkürlich. Ämter wie der Verfassungsschutz, vermessen kurz, Polizeien noch kürzer, andere länger. Einige Faustregeln: Arbeitsaufwand, Definition weg vom Gefahrenfaktor, politisch-ideologischer Status. Wieder Andere haben keine Vorstellung und keinen Plan, auch eine Methode der Auseinandersetzung.
Diese Lücken sind allerdings zu verschmerzen, werden doch angesichts derer als Ausgleich kühne und verwegene politische Entscheidungen gefällt, wie „Sonderprogramme“ für viele kleine Initiativen und das Gesichter-Zeigen gegen den Rechtsextremismus, oft streubreite Bemühungen um gute Haltungsnoten, darunter einige sehr wertvolle Beiträge für Freiheit und Menschenwürde.
Die wichtigste Zahl, die diese Entscheidungen grundiert, ist die der potenziellen Wähler. Das Wählerfeld wird von den herausragenden Wahlforschern beständig auf nicht mehr als 15 Prozent der Wahlberechtigten bestimmt. Zwar hilft das nicht den Opfern rechtsextremer Gewalt, beruhig aber elitär Etablierte in Büros, auf Jachten, in Partyrooms und Panzer-Limousinen.
mehr Lesen >>>
Erstveröffentlichung: 28.09.2009
http://www.spreeblick.com/2009/09/28/mit-nazis-reden/
Exit-Deustchland an Schulen
Rechts-Erfahrungen aus erster Hand
Von Roland Beiter
Rangendingen. »Projekt gegen Rechts«: Einen Aussteiger aus der rechtsextremistischen Szene hatte die Joachim-Schäfer-Schule in Rangendingen zu Gast.
Die Schulsozialarbeit und das Jugendbüro hatten den Besuch arrangiert. Ein Fernsehteam des Mitteldeutschen Rundfunks aus Berlin begleitete den Mann am Freitag nach Rangendingen. Der Kontakt war über »Exit-Deutschland« zustande gekommen, einer Gruppe, die Aussteigern aus der rechten Szene hilft.
Der Mann aus Ostdeutschland blieb in Rangendingen anonym. Er berichtete, jahrelang Mitglied in einem rechten Kader und sogar Ausbilder einer Wehrsportgruppe gewesen zu sein. Gebannt und aufmerksam hätten die Schüler seinen Ausführungen zugehört, sagt Schulsozialarbeiterin Simone Krink.
Sie hat das Kooperationsprojekt zusammen mit Jugendpfleger Andreas Jäckle auf die Beine gestellt. Das Interesse der Schüler aus der siebten bis neunten Klasse sei ein Zeichen, wie brennend das Thema Rechtsextremismus Jugendliche interessiere, berichtet sie. Zu ihrem »Projekt gegen Rechts« gehörten auch eine Filmvorführung und die Analyse von Texten rechtsextremer Musikstücke.
Die rechte Szene versuche gerade jüngere Menschen anzusprechen und für ihre Ziele einzunehmen, sagt Simone Krink. »Wehret den Anfängen«, war deshalb das Motto der Veranstaltung.
Der junge Mann, der in Rangendingen von seinen Erlebnissen berichtete, ist einer von drei Aussteigern, die der Mitteldeutsche Rundfunk auf ihrem Weg begleitet.
Dass ein Aussteiger der rechten Szene an einer Schule zu einem Vortrag eingeladen wird, hätten sie noch nicht erlebt, sagte die verantwortliche Autorin Dora Heinze. Einige der in Rangendingen gedrehten Szenen werde sie wohl in ihre Dokumentation einarbeiten, versprach sie. Zu sehen ist dann vielleicht auch Rektor Hubert Walz, der von dem Filmteam interviewt wurde. In Rangendingen ist das Thema Rechtsextremismus mit dem Besuch des Aussteigers noch nicht abgehakt. Für den Oktober plant Simone Krink einen Projekttag für die Klassen sieben bis neun mit dem Netzwerk für Demokratie »Courage«.
Zum Artikel >>>
Erstveröffentlichung: 21.09.2009 18:35
http://www.schwarzwaelder-bote.de/wm?catId=13547277&artId=14264149