Rechtsextremismus und Familie
Tipps für Eltern, Angehörige undMultiplikatoren
„Ich teile meinen Sohn in verschiedene Persönlichkeiten, dass sage ich ihm auch, nur so ist tägliches Leben möglich.“
Viele Eltern und Angehörige sind schockiert, wenn sie erkennen, dass ihr Kind Mitglied der rechtsextremen Szene geworden ist. Für Eltern ist die Situation oft schwierig: Der Familienalltag wird durch die rechtsextreme Ideologie zur Zerrreisprobe, und wenn der Sohn oder die Tochter auch noch in der Öffentlichkeit durch hohen Alkoholkonsum, Gewalt und Straffälligkeit auffallt, isolieren sich viele Familien aus Angst vor Stigmatisierung. Sehr häufig beschreiben Eltern den Einstieg ihrer Kinder in die rechtsextreme Szene als schleichenden Prozess, der in verschiedenen Phasen verläuft.
Wenn Jugendliche erwachsen werden, testen sie ihre Grenzen aus und versuchen in Abgrenzung zu den Eltern eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dabei kommt es häufig zu Konflikten in der Familie: Die Heranwachsenden provozieren, rebellieren, kleiden sich auffällig und bewegen sich auch manchmal am Rande der Legalität. Dieses für die Pubertät ganz typische Verhalten steht in Wechselwirkung mit rechtsextremen szenetypischen Mustern, d.h. aggressive Verhaltensweisen gegenüber der Familie und fremdenfeindliche Äußerungen häufen sich. Daher nehmen viele Eltern die ersten Anzeichen und Äußerungen mit rassistischem, sexistischem oder antisemitischem Hintergrund noch nicht so richtig ernst und wissen bestimmten Aussagen auch nichts entgegen zu setzen.
Kleidungsstil und Verhalten andern sich in der Pubertät recht häufig, so dass Interpretation und Reaktion auf diese Veränderungen oft erst viel später erfolgen. Die „Codes“ und Symbole der unterschiedlichen Jugendkulturen sind ihnen nicht bekannt, so dass es z.B. nicht möglich ist, Zeichnungen in Schulheften oder auf Kleidungsstücken zu entschlüsseln.
Warum sich ein Jugendlicher rechtsextremen Gruppen anschließt, kann unterschiedliche Gründe haben. Verluste von Bezugspersonen, Vorurteile im Freundes- und Verwandtenkreis gegenüber Fremden und Andersdenkenden, Zukunftsängste und Leistungsdruck können mögliche Ursachen sein. Einmal im Kreis rechtsextremer Szenen angekommen ergeben sich Abhängigkeitsverhältnisse, aus denen sich die betroffene Person nicht alleine lösen kann.
1. Versuchen Sie nicht, jemandem die Schuld zu geben!
Wenn Eltern feststellen, dass Ihr Kind rechtsextrem orientiert ist, stellen sie sich zunächst die Frage nach den Ursachen und welche Rolle sie selbst in diesem Prozess gespielt haben. Wenn Jugendliche erwachsen werden, treffen sie ihre eigenen Entscheidungen, d.h. die Eltern sind nicht für alles verantwortlich. Dennoch ist es hilfreich, das eigene Verhalten gegenüber dem Kind selbstkritisch zu reflektieren, um Dinge zu verbessern, die schlecht gelaufen sind. So übernehmen Sie aktiv Verantwortung und verharren nicht in der Suche nach Schuld, Schuldigen und Entschuldigungen.
2. Bleiben Sie dran!
Versuchen sie, den Kontakt zu Ihrem Kind zu halten. Dies ist sicherlich nicht einfach, wenn quälende Streitereien oder offener Hass gegenüber den Eltern den Familienalltag bestimmen. Wichtig ist, dass Sie als Eltern Ihre Ablehnung gegenüber der neuen Gesinnung deutlich zum Ausdruck bringen, ohne die Liebe und das Vertrauen zu Ihrem Kind aufzugeben. Auch wenn es zeitweilig nicht zum Gespräch bereit ist, signalisieren Sie trotzdem immer wieder Gesprächsbereitschaft.
Halten Sie Ihrem Kind alle Rückkehrmöglichkeiten offen. Es kann längere Zeit dauern, bis ein Ausstieg aus der rechtsextremen Szene gewollt ist, aber die Entschiedenheit und Ausdauer im Kampf um das eigene Kind ist eine wichtige Motivation, um die Szene verlassen zu können.
3. Bieten Sie sich weiterhin als Gesprächspartner an!
Zeigen Sie Interesse an den Meinungen, Erlebnissen und Freunden Ihres Kindes. Sprechen Sie über seine Überzeugungen. Dazu ist es notwendig, sich mit den Inhalten des Rechtsextremismus auseinander zu setzen und einen eigenen klaren Standpunkt zu beziehen, der sich an demokratischen Grundwerten orientiert. Diskutieren Sie fair und bleiben Sie beim Thema. Auch in einem Streitgespräch ist es wichtig, sich gegenseitig zu respektieren. Erwarten Sie nach den ersten Gesprächen und Konfrontationen keine Wunder. Es werden kleine und vorerst kaum sichtbare Schritte sein.
4. Nehmen Sie Ihr Kind ernst!
Ihr Kind wird erwachsen und bildet sich selbst seine Meinung. Wenn Sie mit ihm nicht übereinstimmen, dann klären Sie dies im Gespräch, ohne die andere Meinung als dumm oder kindisch abzutun. Wird Selbstwertgefühl und Selbstachtung durch die Erziehung vermittelt, ist dies die beste Vorbeugung gegen Gewaltbereitschaft und die Neigung, sich autoritär strukturierten Organisationen unterzuordnen.
5. Setzen Sie Grenzen!
Setzen Sie Grenzen und begründen Sie diese persönlich. Regeln und Grenzen sind für Ihr Kind leichter zu akzeptieren, wenn es erkennen kann, dass Sie ein bestimmtes Verhalten oder Äußerungen nicht ertragen können und erklären, warum dies so ist. Sprechen Sie die Regeln des Zusammenlebens in der Familie ab.
6. Versuchen Sie, in Ihrem Umfeld offen damit umzugehen!
Angst vor Stigmatisierung oder um den Ruf der Familie ist beim Thema Gewalt und Rechtsextremismus vielleicht verständlich, aber absolut fehl am Platz. Vertuschen und verharmlosen Sie nichts. Setzen Sie sich in Gesprächen mit Nachbarn, Freunden und Verwandten offen mit der Tatsache auseinander, dass Ihr Kind eine rechtsextreme Einstellung vertritt.
7. Holen Sie sich Hilfe!
Sie als verantwortlicher Elternteil sollten sich nicht scheuen, Hilfe durch eine Beratungseinrichtung in Anspruch zu nehmen. Auch das Gespräch mit Freunden oder anderen betroffenen Elternteilen kann helfen.
Was kann die EXIT-Familienhilfe leisten?
Eltern, deren Kinder der rechtsextremen Szene angehören, haben einen besonderen Beratungs- und Hilfebedarf. Sie leiden häufig unter Isolation, Hilflosigkeit und Angst, manchmal sogar der Angst vor dem eigenen Kind. Sie sind unsicher im Umgang mit der Situation, furchten, ihren Sohn oder ihre Tochter zu verlieren und können den rechtsextremen Parolen wenig entgegensetzen.
Die spezifischen Ängste und Sorgen der Angehörigen stehen zunächst im Mittelpunkt der EXIT-Beratung. In persönlichen Gesprächen wird die individuelle Familiensituation analysiert und es werden mögliche Handlungs-alternativen entwickelt. Die Angehörigen werden durch unsere Mitarbeiter über den gesamten Prozesszeitraum begleitet. Bei Bedarf kann Kontakt zu Elterninitiativen hergestellt werden, in denen sich betroffene Eltern und Angehörige austauschen und gegenseitig Hilfestellung leisten.
Die EXIT-Familienhilfe informiert zu spezifischen Themen wie Zeichen, Symbolen, Kleidung, Musik und ideologischen Themenfeldern der rechtsextremen Szene. Dieses Wissen stärkt Ihre Handlungskompetenz und gibt Ihnen Sicherheit in Auseinandersetzungen! Die Mitglieder von Elterninitiativen können die Einsichten und Erfahrungen aus ihrem Alltag weitergeben, die sie sich in der Initiative erarbeitet haben. Für die Zukunft kann dies eine Sensibilisierung und Aktivierung in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus im nachbarschaftlichen Umfeld und der Gemeinde der Eltern und Angehörigen bewirken.