Archiv

Hier finden Sie ausgewählte Artikel zur Arbeit von EXIT-Deutschland sowie Informationen zur Öffentlichkeitsarbeit.

Weitere Artikel finden sie unter: www.facebook.com/exitdeutschland

 

 ------------------------------------------------------------------------------------------

Vermeintliche Opferhilfe

Mona Lisa ZDF 02.03.2013

Während Opfer sexueller Gewalt sich vom Staat oftmals allein gelassen fühlen, versuchen rechtsextreme Gruppen genau diese Lücke für sich zu nutzen. Als besorgte "Helfer" und "Beschützer" treten sie in Erscheinung, geben vor, Gutes zu tun. "Keine Gnade - maximale Härte",
so lautet das Motto, wenn es darum geht, Sexualstraftäter zu verurteilen und Opfer zu schützen. Auch Beratungseinrichtungen laufen Gefahr, von Rechts unterwandert zu werden, sagen Experten. ML mona lisa fragt nach.

 http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/2eacdf52-b3a1-376d-8934-ec71b18c7187/20130395

-------------------------------------------------------------------------------------------

Rechtsextremismus in der DDR -Mythos oder Fakt?

Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung, Regionalbüro Berlin-Brandenburg im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße am 28.2.2013

Die Bürgerrechtlerin Freya Klier diskutierte mit Bernd Wagner (EXIT-Deutschland), Bastian Wierzioch (Mitteldeutscher Rundfunk) und dem Publikum über geschichtliche Kontinuitäten und aktuelle Entwicklungen im Rechtsextremismus Antisemitismus und Rassismus

------------------------------------------------------------------------------------------ 

SAVE EXIT – Petition zur Rettung von EXIT-Deutschland

Save EXIT-Deutschland – Petition zur Rettung des Aussteigerprogramms an Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich

saveexit

 

Die aktuelle finanzielle Situation von EXIT-Deutschland und die damit verbundene breite mediale Präsenz des Themas hat eine enorme gesellschaftliche Unterstützung hervorgebracht.

Unter anderem wurde von einer engagierten Bürgerin eine Petition auf Change.org gestartet zur Rettung des Aussteigerprogramms. Wir wurden nun durch Change.org selbst auf diese Petition hingewiesen und wollen hiermit darauf aufmerksam machen.

Die Petition ist zu finden unter change.org/exit

----------------------------------------------------------------------------------------

14.02.2013

Aktuelle Information zur Finanzierung der Ausstiegsarbeit von EXIT-Deutschland

Gemeinsame Presseerklärung von EXIT-Deutschland und dem Aktionskreis ehemaliger Rechtsextremisten

EXIT-Deutschland ist seit dem Jahr 2000 damit befasst, erfolgreich Rechtsextremen zu helfen, ihre Gruppen zu verlassen, ihre Weltbilder zu überdenken und ein neues Leben ohne politische Gewalt zu beginnen. Nunmehr sind es über 480 Personen, die auf diese Weise dem rechtsextremen Potenzial, besonders dem militanten, nicht mehr zur Verfügung stehen. Den möglichen Opfern bleibt vieles erspart, vielleicht hat es gar deren Leben gerettet. Ganz zu schweigen von den materiellen und finanziellen Kosten, die dem Steuerzahler nicht auferlegt werden mussten.

Um diese Tätigkeit zu ermöglichen, haben viele Menschen gespendet und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat über ein XENOS-Sonderprogramm im Rahmen der Bundeshaushaltsordnung seit Mai 2009 zugewendet. Ausstiegsarbeit mit dem Ziel der sozialen und arbeitsmarktlichen Integration wurde explizit gefördert.

Mit dem Auslaufen des Programms wird die Bundesfinanzierung nunmehr nicht mehr fortgesetzt. Das bedeutet, dass ab dem 1.Mai 2013 die unmittelbare Ausstiegshilfe für langjährig aktive und oft militante Rechtsextremisten, solche, die sich in Vollzugseinrichtungen befinden sowie für Frauen und Kinder in der erforderlichen politischen und sozialen Qualität nicht mehr möglich sein wird.

Die ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH als Trägerin von EXIT-Deutschland ist derzeit mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Gespräch, um Möglichkeiten zu erschließen, rechtsextremen Eltern und Familien Ausstiegsorientierungen zu geben. Das ist ein wichtiger und zu begrüßender Schritt.

Wie die daran anschließende, eigentliche Ausstiegshilfe gewährleistet werden soll, ist derzeit jedoch völlig offen.

Ehemalige Rechtsextremisten, die erfolgreich mit Hilfe von EXIT-Deutschland ausgestiegen sind und heute öffentlich über die Gefahren des Rechtsextremismus aufklären, zeigen sich betroffen und fragen sich, warum der Bund als Körperschaft keine nationale Gesamtverantwortung für die Bundesrepublik Deutschland nach innen und außen wahrnimmt, wie er es nicht nur angesichts des erschreckenden Versagens von Polizei und Verfassungsschutz durch die Förderung unabhängiger Ausstiegsangebote tun sollte. Sie verweisen auf die Bedeutung nichtstaatlicher Ausstiegshilfen, da Rechtsextremisten, die die Szene verlassen wollen, den Staat und die Sicherheitsbehörden, die im Sinne rechtsextremer Ideologie als politische Feinde gelten, nicht als ersten Ansprechpartner für einen Ausstieg sehen. Vergleicht man die Ausstiegszahlen von EXIT-Deutschland mit denen staatlicher Programme wird dies deutlich. Hinzu kommt, dass Ausstiegsprogramme, die von Sicherheitsbehörden angeboten werden, in ihrem Grundanliegen auf Straftatenvermeidung und Informationsgewinnung in Bezug auf die Szene abzielen. Weder die soziale Integration der Aussteigenden noch die Arbeit an einer erfolgreichen Infragestellung der Ideologie sind Teil des Programms, mitunter noch nicht einmal die Gewährleistung der Sicherheit für die betreffende Person bei einsetzender Verfolgung durch die rechtsextreme Szene.

Von Bund und Ländern wird nicht nur gern auf die staatlichen Ausstiegsangebote verwiesen, sondern auch auf regionale, zivilgesellschaftliche Angebote. Diese Angebote sind fast flächendeckend auf einen sozialpädagogischen Ansatz ausgerichtet, der weder den politisch-ideologischen noch den Sicherheitsaspekt in den Blick nimmt und der von der qualifikatorischen Ausrichtung her darauf auch gar nicht ausgelegt ist. Diese Angebote sind sinnvoll und wichtig auf dem Gebiet von Prävention und Sozialarbeit in Bezug auf die Erreichung von Jugendlichen, die sich im niedrigschwelligen Bereich rechtsextremer Betätigung bewegen. Der Ansatz stößt jedoch sehr schnell an Grenzen, wenn es um die Analyse komplexer Vorgänge im rechtsextremen Spektrum und um den Ausstieg ideologisch gefestigter, langjährig in der Szene (meist im gewaltbereiten Spektrum) verhafteter und damit von Verfolgung bedrohter Rechtsextremisten geht. Gleiches gilt für den Ausstieg von Frauen mit Kindern, wo sich äußerst multiple Problemlagen auftun, was u.a. in einem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts (1 BvR 1766-12 vom 13.1.2013) deutlich wird. Die Richter messen darin dem Schutz der Grundrechte eines Menschen die höchste Bedeutung vor allen anderen Rechten bei.

Die nach wie vor vorherrschende und weit verbreitete Meinung, Rechtsextremismus sei ein Jugendproblem, das mit sozialpädagogischen Maßnahmen zu lösen wäre, greift nicht nur zu kurz, sondern hat fatale Auswirkungen, wie die Geschichte des NSU gezeigt hat.

Derart weitreichende Problemfelder, wie sie sich in Ausstiegsprozessen auftun, lassen sich nur mit einem komplexen und fachlich-methodisch gesicherten Gesamtansatz erfolgreich lösen.

Die Arbeit von EXIT-Deutschland wird nicht nur auf nationaler Ebene wahrgenommen, wie die Auszeichnung mit dem Politikaward 2012 zeigt, sondern auch bei europäischen Partnern besonders beachtet. Das zeigen verschiedene Auszeichnungen und positive Erwähnungen. Jüngst hob die EU-Kommissarin Cecilia Malmström (EU-Kommissarin für Innenpolitik) die Arbeit von EXIT-Deutschland anlässlich eines Fachkongresses lobend hervor. Die Europäische Kommission zeichnet EXIT-Deutschland als Best-Practice Projekt 2012 im Bereich der sozialen Integration aus. Die Beiträge auf internationalen Kongressen zu Themen des Extremismus und der Deradikalisierung stoßen auf großes Interesse.

Obwohl sich EXIT-Deutschland sowohl in Deutschland als auch international als kompetentes Deradikalisierungsprogramm etabliert hat, sieht es momentan so aus, dass die Ausstiegshilfe von EXIT-Deutschland ab Mai 2013 nur noch im Notbetrieb arbeiten kann.

---------------------------------------------------------------------------------------------

Ringvorlesung "Systematisch verharmlost? Rechtsextremismus in Deutschland"

Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg

Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus in Deutschland: Überblick über Geschichte und aktuelle Tendenzen

Bernd Wagner, Berlin

5. Februar, Dienstag18 Uhr c.t.     Ort: Mensagebäude, Thomas-Ellwein-Saal

Initiatorin: Arbeitskreis Interkulturelle Bildung (IKB), Prof. Dr. M. Gomolla, Fakultät GeiSo

---------------------------------------------------------------------------------------

Sind Polizei und Justiz auf dem rechten Auge blind?

Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner über den Umgang der Justiz mit Neonazis

Moderation: Martin Steinhage

Seit Jahrzehnten befasst sich der gelernte Kriminalist Bernd Wagner mit dem Thema Rechtsextremismus - zunächst in der DDR, später im wiedervereinten Deutschland. Die von Wagner mitbegründete Initiative "Exit Deutschland" hat seit dem Jahr 2000 mehr als 400 meist jungen Menschen zum Ausstieg aus der Neonazi-Szene verholfen.

Deutschlandradio Kultur - TACHELES |19.01.2013 |13:05 Uhr

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/tacheles/1980091/

------------------------------------------------------------------------------------------

EXIT-Kontaktstelle in Dortmund ab dem 1. Januar 2013 geschlossen

Seit dem 1. Januar 2013 hat die Bundesinitiative EXIT-Deutschland in der Stadt Dortmund eingestellt. Das fehlende örtliche Angebot kann ab sofort direkt unter info@exit-deutschland.de bzw. über die persönliche Beratung unter 0177 — 240 45 92 in Anspruch genommen werden.

Die Beratungen erfolgen individuell und diskret, auf Wunsch auch anonym.

------------------------------------------------------------------------------------------

30.12.2012

Vom eigenen Weg

Bernd Wagner

Die Welt ist nicht schwarz und nicht weiß. Einen Weg zu finden ist nicht leicht. Demokratie erscheint einfach. Einfach erscheint es auch Nationalist zu sein. Die Guten sind gut, die Schlechten schlecht. Manche haben es schon immer gewusst, gehören zu den Siegern der Geschichte. Das erscheint leicht, so normal, wie ein Schülerwettbewerb…

Andere sehen sich in einer anderen Geschichte, die nicht das heute ist, das Offizielle. Manche sehen nach ihrem Weg der Erkenntnis. Sie irren und verändern ihren Weg. Und das ist möglich.

Andreas Böselegers Weg führte in einen schwerwiegenden Irrtum. Er ist dabei seinen eigenen Weg zu finden. Von diesem Weg erreichte uns seine Nachricht:

Offener Brief

Von Andreas Böseleger

Ich bin ein politisch sehr interessierter Mensch. Im Jahr 2010 habe ich mir das Parteiprogramm der NPD schicken lassen und habe die für mich wichtigen Punkte gelesen. Was ich dort las, fühlte sich nach meinem damaligen Verständnis nicht falsch an. Also habe ich einen Mitgliedsantrag ausgefüllt und wurde Mitglied.

Nach einer Zeit als einfaches Mitglied wollte ich aktiver werden und stellte mich auf der Jahreshauptversammlung 2012 als Kandidat für die Position als Beisitzer zur Wahl und wurde dann auch in dieses Amt gewählt. Über die tatsächlichen Hintergründe und Konsequenzen der Mitgliedschaft in der NPD war ich mir nicht voll im Klaren. Ich war von anscheinend logischen Zielen der Partei beeindruckt und glaubte dem Wort der Partei demokratisch zu sein. Das erscheint heute naiv.

Nach einigen Vorfällen in meiner Heimatstadt Oldenburg, durch Personen aus der Partei, welche auch in der Regionalen Presse ziemlichen für Wirbel gesorgt hat, habe ich meine Einstellung und die damit verbundene Zugehörigkeit zur NPD sehr kritisch hinterfragt und bin zur der Überzeugung gekommen, dass sich mein Menschen- und Politikverständnis in keinem Punkt mehr mit den Zielen dieser Partei deckt.

Demokratisch bedeutet für mich, sich ohne Gewalt für politische Ziele einzusetzen, jede Gewalt gegen Menschen auszuschließen, Andersdenkende zu respektieren und sich mit ihnen mit dem Wort auseinanderzusetzen. Jeder soll in einer Demokratie seine Meinung offen sagen dürfen ohne dabei aber andere Menschen zu diffamieren oder zu beleidigen. Vorbehalte gegen Migrantinnen und Migranten darf es nicht geben. Ich kann mich nicht mit der national-völkischen Ideologie der NPD identifizieren und stehe für Demokratie und Respekt gegenüber allen Menschen.

In der Zeit meiner NPD-Mitgliedschaft habe ich nicht an Aktionen gegen Menschen teilgenommen. Gegenteilige Darstellungen in einem Artikel im Internet vom 03.10.2012 sind unwahr. Meine Kontakte zur NPD und Rechtsradikalen im Internet habe ich abgebrochen.

Oldenburg, den30.12.2012

--------------------------------------------------------------------------------------------

19.12.2012

Jahresrückblick 2012

"Wir haben es heute oft mit viel komplexeren Problemzusammenhängen zu tun"


Seit zwölf Jahren hilft EXIT Deutschland Menschen, die mit dem Rechtsextremismus brechen und sich ein neues Leben aufbauen wollen. Ulla Scharfenberg von Mut gegen rechte Gewalt sprach mit EXIT-Mitarbeiter Fabian Wichmann über das vergangene Jahr 2012, alte Probleme und neue Entwicklungen.

Was war dein „EXIT-Highlight“ des Jahres?

2012 ist viel passiert. Ganz besonders haben wir und über die zahlreichen Preise gefreut, die wir für unsere „Operation Trojaner T-Hemd“ gewonnen haben. Der für uns wahrscheinlich wichtigste Preis war der Politik Award, die renommierteste Auszeichnung für Arbeiten aus dem Bereich der politischen Kommunikation. Die Ehrung mit dem Politik Award ist insofern etwas ganz besonderes, da der Wert dieser Aktion als völlig neue Form der Zielgruppenansprache erkannt wurde, das freut uns sehr. Zahlreiche weitere Werber-Preise, wie der GWA-Award oder der Goldene Nagel des ADC New York und den Cannes Lions, zeigen, dass unsere Aktion einen Nerv getroffen hat — die internationale Aufmerksamkeit ist groß.

Sind denn vergleichbare Aktionen auch in Zukunft geplant?

Natürlich würden wir uns freuen, wenn die Operation Trojaner T-Hemd nicht unser einziger Coup bleiben würde. Wir arbeiten an neuen Ideen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die T-Shirt-Aktion ein Jahr lang entwickelt wurde, bevor wir sie dann tatsächlich umsetzen konnten.

Wir bleiben gespannt!

Meistens läuft unsere Arbeit natürlich deutlich weniger spektakulär ab, was nicht heißt, dass sie weniger wichtig wäre. Im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise verschiedene Veranstaltungen, unter anderem mit der Friedrich Ebert Stiftung durchgeführt. Auch unser Fachtag im Landkreis Dahme-Spreewald hat 2012 zum zweiten Mal stattgefunden, bei dem wir uns mit dem Thema „Vorbeugen und Bekämpfen rechtsextremen Handelns“ auseinandersetzten und uns verstärkt an den Bedürfnissen des Landkreises orientierten. Sehr gut angekommen sind unsere Postkarten- und Plakataktionen, die Kampagne „Mein Früher“ beispielsweise, mit der wir bei Neonazi-Aufmärschen Kontra-Propaganda betrieben haben, um EXIT in der Szene bekannter zu machen.

Der Kern eurer Arbeit ist die Unterstützung von Neonazi-Aussteigern. War 2012 ein gutes Jahr?

Seit der Gründung im Jahr 2000 hat EXIT Deutschland 481 Menschen bei ihrem Ausstieg begleitet. Allein 2012 haben wir mehr als 50 Personen in ihrem Ausstieg begleitet. Besonderer Schwerpunkt war dabei immer die Integration in den Arbeitsmarkt. Darüber hinaus haben wir Eltern und Angehörige - soweit uns dies möglich war - beraten, deren Kinder oder Bekannte in die rechtsextreme Szene abzurutschen drohten. Eine Arbeit für die wir aktuell keinerlei Förderung erhalten — aber wegschicken können wir die Eltern ja auch nicht.

Hat sich die Arbeit mit potentiellen Aussteigern in den letzten Jahren verändert?

Ja. Wir haben es heute oft mit viel komplexeren Problemzusammenhängen zu tun. Neben Einzelpersonen, die sich von der rechten Szene lösen wollen, sind es heute vermehrt auch Familien, Mütter mit Kindern, die sich für einen Ausstieg entscheiden. Da spielen ganz andere Herausforderungen eine Rolle, die Stigmatisierung der Kinder in der Schule beispielsweise, die polizeiliche Bewertung von abstrakter und konkreter Gefährdung aber auch ganz alltägliche Fragen der Erziehung und Sicherheitsprobleme die dann nicht mehr nur auf eine Person beschränkt sind. Aber es geht auch immer wieder um Familienrechtliche Probleme im Bereich des Sorge- oder Umgangsrecht, etwa wenn die Mutter aussteigt, der Vater aber weiterhin strammer Neonazi ist.

Wie kann man sich den typischen Aussteiger vorstellen?

Den „typischen“ Aussteiger gibt es nicht, aber man kann feststellen, dass die Ausstiegswilligen überwiegend männlich sind, aber etwa ein Drittel ist weiblich. Das Spektrum reicht vom „alten Skinhead“ bis hin zum „Autonomen Nationalisten“. Letztere sind zunehmend stärker vertreten. Auch sind es weniger die Mitläufer, die sich an uns wenden. In der Mehrzahl waren die Menschen, die wir beim Ausstieg begleiten sogar auf Führungsebene bzw. Kaderebene aktiv. Das sind im Grunde fitte Leute, mit einem sehr genauen Bewusstsein für das, was sie machen oder gemacht haben. Ebenso bewusst entscheiden sie sich dann aber auch für den Ausstieg. Die Szene verändert sich beständig, eine Entwicklung die wir alltäglich erfahren und auf die wir angepasst reagieren müssen.

Du sagst, nur ein Drittel der Aussteiger ist weiblich. Das ist doch recht viel, oder nicht?

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Neonazis Frauen sind, insofern bildet der Anteil weiblicher Aussteiger das ziemlich genau ab. Dennoch steigt die Zahl von Frauen, die sich bei uns melden spürbar an. Das liegt vermutlich auch an den Strukturen der Autonomen Nationalisten. Dort haben Frauen eine deutlich aktivere Rolle als in herkömmlichen Kameradschaftszusammenhängen.

Hat sich die Zahl der Ausstiegswilligen nach der Selbstenttarnung des NSU erhöht?

Nein, das kann ich so pauschal nicht bestätigen. Es gibt natürlich immer Schwankungen, aber einen messbaren Effekt hatte das nicht. Im Grunde genommen kann man sagen, dass die ganze NSU-Geschichte in der rechten Szene entweder still gefeiert oder als komplette Verschwörungstheorie abgetan wird. In der Politik und der Allgemeingesellschaft werden die Taten des NSU nicht gefeiert aber wir finden dort Externalisierungs- und Entschuldungsversuche. Es ist fatal, dass im Hinblick auf die rechtsextreme Mordserie fast ausschließlich die Dimension des staatlichen Versagens wahrgenommen wird. Die Gesellschaft nimmt sich da selbst völlig aus der Verantwortung. Wir können das kaum fassen, vor einem Jahr dachten wir wirklich, die zehn Morde seien eine Zäsur gewesen, dass ein Umdenken stattfinden würde und dass sich dieses Umdenken in Handlungen materialisiert. Stattdessen ist die Bestürzung schnell in Vergessenheit geraten, es haben — von der Einrichtung der Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene abgesehen — keine richtungsweisenden Aktionen der Politik stattgefunden, einzig symbolische Akte und Äußerungen.


EXIT Deutschland verteilt die eigenen Flyer auch bei Nazi-Aufmärschen, Foto: EXIT Deutschland ©

Was ist für das kommende Jahr geplant?

Dieses Jahr waren wir international viel im Gespräch und konnten unsere Beziehungen zum Beispiel im skandinavischen oder auch britischen Raum ausbauen. In diesem Bereich finden sehr interessante Entwicklungen statt, die wir 2013 weiter verfolgen möchten. Aber auch hierzulande steht einiges an, wir konnten uns durch Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen, wie in Hamburg, Braunschweig oder Göttingen, verstärkt in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen. Das möchten wir weiter voranbringen. Im Bereich Schule und Bildungsarbeit haben wir viel positives Feedback bekommen, wenn Aussteiger Schülerinnen und Schülern von ihren Erfahrungen berichten ist das sehr authentisch, das werden wir auch 2013 fortsetzen. Unsere Ausstellung „Lebensbilder“ ist noch bis Ende 2012 in Braunschweig zu sehen, sie gibt Einblicke in den oft sehr schwierigen Prozess des Ausstiegs und soll darüber hinaus eine Initialzündung für die inhaltliche Auseinandersetzung sein, wir bieten viele Workshops und Vorträge als Begleitprogramm an. Wir wünschen uns natürlich, dass sie dann weiterzieht — wer Interesse hat, kann sich gerne bei uns melden!

Weil bald Weihnachten ist, hast du einen Wunsch frei…

Ich wünsche mir, dass die Politik den Wert unserer Arbeit erkennt, den Wert von De-Radikalisierung und der direkten Intervention. Wenn ein ehemaliger Neonazi den Kameraden den Rücken kehrt, wird das in der rechten Szene stark diskutiert, es findet eine Auseinandersetzung mit der eigenen Politik statt. Mal ganz abgesehen von den Kosten für die Rückfallverhütung, die durch unsere sehr gezielte Arbeit vermieden werden. Was so ein Ausstieg - individuell wie auch gesellschaftlich - bedeuten kann, wird leider von staatlichen Stellen fast gar nicht wahrgenommen. Wir arbeiten mit EXIT seit 12 Jahren am Feld — Erfahrungswerte und Erfolge die kein anderer Träger in dem Feld vorweisen kann. Ich wünsche mir, dass der verbale Zuspruch, den wir von der Politik erhalten, in Zukunft auch praktisch unterfüttert wird.Das Interview führte Ulla Scharfenberg.

Erstveröffentlichung www.mut-gegen-rechte-gewalt.de

 

------------------------------------------------------------------------------------------------ 

26.11.2012

Arnold-Freymuth-Gesellschaft verleiht Preise an Gerhart Baum und Bernd Wagner

HAMM - Nachhaltig legt die Arnold-Freymuth-Gesellschaft den Finger in die Wunden, die Rechtsradikale in die deutsche Demokratie zu reißen versuchen - und das seit nunmehr 20 Jahren.

Zum zehnten Mal wurde der Preis der Gesellschaft am Sonntag im Gustav-Lübcke-Museum verliehen: an Gerhart Baum und Bernd Wagner, die sich „um den deutschen Rechtsstaat verdient gemacht haben“, sagte Franz-Josef Düwell, Präsident der Freymuth-Gesellschaft.

Düwell erinnerte - wie auch viele der folgenden prominenten Redner - zu Beginn an die rechtsradikalen Ausschreitungen in Solingen, Mölln, Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda: Als Reaktion auf diese „Feuerteufel-Strategie“ sei die Arnold-Freymuth-Gesellschaft gegründet worden.
Mehr Bilder von der Preisverleihung

Die zunehmende „Unverfrorenheit“, mit der Neonazis auftreten, nutzte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann für ein eindeutiges Bekenntnis: „Es darf nicht einen Zentimeter Platz für dieses braune Gesindel in unserer Stadt geben.“ Die Jury-Entscheidungen begründeten OLG-Präsident Johannes Keders für Gerhart Baum und Eberhard Weber für Bernd Wagner, beide nutzten die Gelegenheit, die Lebensläufer beider Preisträger speziell mit Blick auf ihre Verdienste um die Demokratie vorzustellen. Es folgte die Übergabe der Preise in Form eines mit jeweils 2 500 Euro dotierten Schecks sowie eines Kunstwerks (WA berichtete) von Heide Drever an Baum und Grazyna Maniecka-Gawel an Wagner.

In der Laudatio für Gerhart Baum lobte er ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen seinen Freund als „großen, alten Mann des Liberalismus“. Liberale Geisteshaltung sei in einer Demokratie wie dieser verbunden mit einer entschiedenen und couragierten Einstellung. Baum sei „ein Freisinniger“, bei dem die Freiheit an der Spitze der Wertehierarchie stehe. Freiheit verstehe er als gesellschaftlichen Auftrag. Dabei gelte es, Gefahren, die die Freiheit bedrohen, zu erkennen und zu bekämpfen. „Absolute Sicherheit gibt es nicht, sie wäre der Tod der Freiheit“, so Verheugen, der ausführlich auch das internationale Engagement Baums für die Menschenrechte würdigte.

Mit seinem Gruß an „die liebe, alte FDP“, sorgte der Stern-Reporter Ulrich Hauser für Schmunzeln zu Beginn seiner Laudatio für Bernd Wagner. Beide gehören zu den Mitbegründern der Organisation „Exit“, die es Rechtsradikalen ermöglicht, zurück in ein demokratisches Leben zu finden. Hauser würdigte Wagners beispielhaftes Engagement - selbst gegen Widerstände von Vorgesetzten - gegen den Terror von Rechts: Mit kaum zu glaubender Konsequenz gehe er zu den Menschen hin, setze ich Gefahren aus, um vor allem Jugendliche von ihrem Weg abzubringen. „Exit“ sei ein beispielhaftes Projekt, durch das Wagner mittlerweile rund 500 Personen aus dieser Szene geholfen habe. „Er hat tickende Zeitbomben entschärft“, so Hauser, der sich um so erstaunter zeigte, dass das Projekt immer wieder an mangelnder finanzieller Unterstützung zu scheitern droht.

Bundes-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wies auf die wieder einsetzende Verharmlosung rechtsradikaler Tendenzen in der Gesellschaft hin und zitierte aus mehreren Studien.: „Die Stimmung gegen die demokratische Praxis, also die aktuelle Politik, bereitet den Boden für Rechtsradikalismus.“ Sie vermisse die Bindung an die Grundwerte - gerade bei der Jugend. Darum müsse Rechtsextremismus verstärkt an seinen ideologischen Wurzeln bekämpft werden. Allerdings stehe sie einem erneuten Versuch, die NPD zu verbieten, skeptisch gegenüber: „Ein erneutes Scheitern wäre eine politische Katastrophe, die unserer Demokratie substanziellen Schaden zufügen würde.“ Leutheusser-Schnarrenberger plädierte für einen „Verfassungspatriotismus“ und forderte dazu auf, „die Freiheit zu schaffen, zu bilden, zu hüten und zu verteidigen.“

Gerhart Baum und Bernd Wagner nutzten ihre Dankesworte, um nochmals ihre Aktivitäten und Anliegen darzulegen. - san


Zuerst erschienen unter:
http://www.wa.de/nachrichten/hamm/stadt-hamm/arnold-freymuth-baum-wagner-2636337.html

------------------------------------------------------------------------------------------

04.10.2012

Ausstellung und Diskussion mit EXIT-Deutschland in der Friedrich-Ebert-Stiftung

EXIT. Bilder und Texte von Rechtsextremen im Ausstieg

22.Oktober 2012 | Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Berlin

Die Ausstellung zeigt ausgewählte Fotografien und Texte von sechs Aussteiger/inne/n aus der rechtsextremen Szene — in der Interpretation von Studierenden der TU Br aunschweig. Die Idee zu den Seminaren und zur Ausstellung basiert auf der FotowerkstattLebensbilder, die EXIT-Deutschland seit dem Jahr 2010 mit Aussteiger/inne/n aus de m rechtsextremen Milieu realisiert. Die Ausstellung ist das Ergebnis eines Seminars aus dem Sommer 2011 und zeigt in bildhafter Beschreibung den Ausstieg als spannungsreichen und widersprüchlichen Prozess. Diese Ausstellung entstand in Kooperation mit der Technischen Universität Braunschweig und wird finanziell unterstützt duch den Innovationsfonds Lehre der Fakultät 6 und des Ins tituts für Erziehungs wissenschaft.

Vortrag zur Ausstellung

Bilder sprechen - Sozialpädagogische Perspektiven bildanalytischer Forschung.
Prof. Dr. Ulrike Pilarczyk

Podiumsdiskussion

Ein Jahr nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde - Konsequenzen und Perspektiven für Ausstiegsarbeit in Deutschland

Die Notwendigkeit einer professionellen, zivilgesellschaftlichen Ausstiegsarbeit zeigt sich gerade nach den jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit dem „National Sozialistischen Untergrund“. Sie verdeutlichen, dass ein nur auf Prävention abzielender Ansatz in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus zu kurz greift und allein staatliche Unterstützung nicht ausreichend ist. Wie sehen künftig Strategien eines gesamtgesellschaftichen Ansatzes für eine erfolgreiche Eindämmung rechtsextremistischer Radikalisierung aus?

Gäste: Bernd Wagner, Frank Jansen (Tagesspiegel), Aussteiger EXIT-Deutschland
Moderation: Shelly Kupferberg

------------------------------------------------------------------------------------------

27.06.2012

Spende für EXIT-Deutschland und die Opferberatung BACK UP in Dortmund

Der Kirchenkreis Dortmund-Mitte/Nordost engagiert sich gegen Rechtsextremismus und unterstützt die Beratungsstelle BACK UP und EXIT-Deutschland.

BACK UP nahm im vergangenen Jahr die Arbeit auf und berät und unterstützt Opfer rechter Gewalt. Die Synode stellte der Beratungsstelle 10.000 Euro zur Verfügung. „Mit diesem Beschluss“, so Paul-Gerhard Stamm, „stellen wir uns symbolisch eindeutig und öffentlich an die Seite der Opfer“. BACK UP begleitet zur Zeit 43 Opfer von rechter Gewalt.

EXIT-Deutschland wird durch den Kirchenkreis ebenfalls unterstützt. „Immer mehr Jugendliche, die sich in der rechten Szene verirrt haben“, sagte Stamm, „müssen davon wissen.“ Die Synode bat deshalb alle Gemeinden des Kirchenkreises, jeweils 500 Euro zur Förderung von EXIT zur Verfügung zu stellen. Insgesamt handelt es sich bei der Spende für die Arbeit von EXIT-Deutschland um einen Betrag von 5.000 Euro.

EXIT-Deutschland bedankt sich für das Engagement der Gemeinden des Kirchenkreises für die Wertschätzung und Unterstützung der Arbeit.

-----------------------------------------------------------------------------------------

31.05.2012

Blut muss fließen - Undercover unter Nazis

Deutschland - Interview zum Film mit einem Aussteiger

Der Journalist Thomas Kuban (Pseudonym) hat verdeckt auf über 50 Konzerten der Neonaziszene in ganz Deutschland, aber auch europaweit gefilmt - fast 10 Jahre lang und immer unter Lebensgefahr.

Thomas Kuban ist bei den versteckten Dreharbeiten ein hohes Risiko eingegangen. In keinem Verhältnis dazu steht das Interesse der Öffentlichkeit und potentiellen Geldgebern aus Politik und Medien an seinen Bildern. Die Suche nach finanzieller Unterstützung für den Film blieb bisher erfolglos - trotz der großen Wirkung, die sich Kuban von seinem Film verspricht: Eine Reise durch Deutschland und Europa, zurück auch an Orte, an denen er versteckt gedreht hat. Im Fokus stehen dabei politische Entscheidungsträger, Behörden und Bürger. Thomas Kuban versucht Antworten zu finden auf die Frage: Warum kann auf der rechtsextremen Partymeile über alle Grenzen hinweg gefeiert werden und wie lässt sich das verhindern?

Der Film ist im Februar 2012 auf der Berlinale vorgestellt worden.

EXIT-Deutschland sprach mit einem Aussteiger über dessen Erfahrungen mit rechtsextremen Konzerten und ihrer Organisation, die Wirkung von Musik, Schnipseljagden mit der Polizei und die Bedeutung von Subkultur für die Szene.

------------------------------------------------------------------------------------------ 

21.05.2012

An die Nazis

von Udo Lindenberg.

Vorweg: Klartext. Mit Leuten, die leugnen oder sogar richtig fanden, dass 6 Millionen Juden ermordet wurden, die alle Ausländer für „Untermenschen“ halten und sich selbst für eine so genannte „Herrenrasse“, rede ich nicht. Und diese Unbelehrbaren brauchen nichts weiter als die volle Härte unseres Rechtsstaates.

Nein, ich möchte mit denen sprechen, die hinterher sagen: Das habe ich nicht gewollt. Das habe ich nicht gewusst. Wie meine Eltern oder meine/eure Großeltern, die Mitläufer waren und wahrscheinlich froh gewesen wären, wenn einer mal vernünftig mit ihnen gesprochen hätte.

Von Udo Lindenberg

Ich war ein Baby in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, 1946, der Sohn eines Mannes, der goldene, zentrale Jahre seines Lebens für den Schwachsinn, die humanistische Bankrotterklärung der NSDAP und die verabscheuungswürdigen Verbrechen des Krieges weggeschmissen hat. Ich bin der Sohn einer Mutter, die „von nichts gewusst hat“. Da komme ich her, aus der kleinen Stadt Gronau, mit damals null Durchblick - oder wollte man es auch gar nicht so genau wissen?

Dummheit, Feigheit, geblendet sein? Nicht hinter die braunen Kulissen gucken?

Aber jetzt, 2012: wir können uns informieren. Wisst ihr, ich sehe es einfach nicht mehr ein, dieses Blut und Boden-Gepöbel, diese dumpf-dusselige Inanspruchnahme der Gewalt gegen jeden, der nicht so aussieht wie ihr, der nicht in euer uraltes, abgefucktes Deutschland-Bild passt, in eurem grausam-engen Horizont vom bierflutenden Stammtisch bis zum nächsten Baseballschläger-Schnitzer. Und von dort ist es nicht weit zum eiskalten Killer. Blicken wir mal kurz zurück in unsere jüngere Geschichte: Die neuen Nazis bekamen nach 1989 deutlich Auftrieb. Es gelang den rechtsextremen Ideologen, vor allem denen aus dem Westen, die Orientierungslosigkeit im Osten zu nutzen und in Städten und Dörfern Organisationsstrukturen zu etablieren. Nach außen hin gaben sich die Nationalsozialisten eher moderat. In Hinterzimmern jedoch wurde mit militanter Schlagkraft hantiert, mit Waffen, Sprengstoff und Säure. Systematisch wurden Feinde identifiziert, egal ob konservativ,links oder liberal. Nachrichten wurden gesammelt, Bestrafungspläne geschmiedet und umgesetzt. Neonazis verdingten sich als Söldner internationaler Brigaden im Jugoslawien-Krieg. Einer von ihnen wurde später NPD Landesvorsitzender in Berlin.

Es geht den Rechtsextremisten nicht nur um einen Machtwechsel in Deutschland, sie kämpfen gegen die Demokratie überhaupt. Rechtsradikale verehren den nordkoreanischen Führer, sie jubeln dem iranischen Judenhasser Ahmadinedschad zu, huldigen Gadhafi und verachten die USA. Sie vernetzen sich international, und sie werden stärker, je weniger sich gegen sie wehren. Griechenland,Frankreich,Italien, sogar in den einst so toleranten Niederlanden: der Schoß ist fruchtbar noch. Die Nazis wähnen sich in einem Krieg. Und versprechen die Erlösung aus den Schwierigkeiten einer modernen Gesellschaft: Unfreiheit als Programm.

Wir Deutsche haben die verdammte Pflicht, uns immer und überall zu wehren und für die Demokratie zu kämpfen. Die Opfer rechtsradikaler Gewalt wurden und werden nicht aus einem spontanen Impuls heraus getötet, wie oft behauptet. Die Überfälle auf Linke, Pogrome gegen Ausländer, Attacken auf Homosexuelle und Andersdenkende sind keine profane Gewalt orientierungsloser Heranwachsender und bildungsferner Unterschichten. Der braune Terror folgt einer historischen Mission: die Demokratie zu beseitigen und das Reich einer kulturell und rassisch reinen Volksgemeinschaft zu begründen. Demagogische Propaganda dient diesen Zielen ebenso wie Terror auf der Straße oder der Einzug in Parlamente. Die neuen Nazis arbeiten offen wie verdeckt und lachen sich ins Fäustchen, wenn der von Ihnen verhasste Staat ihren Kampf auch noch durch die Parteienfinanzierung bezahlt. Ach nee, wenn ich an all das denke: auf deutschem Boden (und nicht nur da) will ich keine Wiedergeburt der braunen Zombies sehen, nicht mehr einen Ferngesteuerten aus der stin-kenden, braunen Kloake des gestern, nicht mehr einen Verräter an den Menschenrechten, nicht mehr einen hirntoten rechtsextremen Terroristen.

Millionen ermordeter Juden, Russen, Polen, unbeschreibliches Leid in ganz Europa. Die Hölle Holocaust.

Fühlst du nicht mit, wenn du hörst, wie verzweifelt die Mutter im KZ war, als ihr das Kind aus den Armen gerissen wurde, ein letzter Blick und dann ab in den Tod? Was der Vater im Warschauer Ghetto fühlte, wenn sein Sohn vor seinen Augen gefoltert oder und geschlagen wurde? Versetz Dich mal in die Lage der Mütter und Väter, die in Norwegen um ihre Kinder weinen, im Sommer hingerichtet von einem wirren Amokläufer? Einem Wahnsinnigen, der sich die Welt untertan machen will? Hörst Du den Schrei unserer türkischen Freunde, deren Brüder und Schwestern von glattrasierten Schädel-Bombern exekutiert wurden?

Ihr Nazis, bei uns und anderswo: Wenn ihr noch ein wenig Ehrgefühl habt, dann könnt ihr wohl umdenken und Mitglieder werden, Mitglieder einer korrekten Menschenfamilie, das wäre doch der Weg, der Weg zu wirklicher Größe. Aber wenn er trotz allem so verbohrt und bescheuert seid, ganz ohne Gefühl und ohne einen Funken Verneigung vor jedem Leben; denn jedes Leben ist wertvoll und auch irgendwie heilig. Wenn Ihr also jetzt immer noch sagt: Wir bleiben Nazis, dann gebührt Euch unsere tiefste Verachtung, und Ihr habt kein Recht auch nur einen Hauch Eures Unwesens weiterzutreiben. Wir gehen auf die Straße und ziehen Euch Euren dreckig-braunen Teppich unter den Springerstiefeln weg. Dann machen wir Euch weg. Dafür stehe ich. Dafür stehen meine Freunde.

Wir warten auf ein Zeichen, wir sind offen. Für jeden, der aussteigen will, gibt's auch Schutz und Hilfe. Und zum Beispiel die stern Aktion „Mut gegen rechte Gewalt“. Und das Ausstiegsprojekt „exit“, das ich seit Jahren fördere. Bei „exit“ arbeiten mutige Menschen, die Neonazis dabei helfen, wieder auf einen wirklich rechten Weg zu kommen. Wir haben in den vergangenen Jahren fast 500 Leute aus der Szene geholt, was für ein grandioser Erfolg. Es ist also möglich, sich zu verändern. Aber es bedeutet eben auch, sich gerade zu machen, für seine Lieben.

Und das, was man schätzt. Eine weitere Verharmlosung der Lage, wie in den vergangenen Jahren, die Überheblichkeit von Richtern, Staatsanwälten und Weichei-Bürgermeistern können wir nicht mehr hinnehmen. Mitten unter uns arbeiten Tausende für den Untergang von Demokratie und Freiheit. Einer dieser Gruppen, die Zwickauer Zelle, ist nun aufgeflogen. Sie ist Teil einer zunehmend unübersichtlichen Bewegung. Die NPD dient ihr als Schutzschild: Sie lenkt die Öffentlichkeit vom vom Ausmaß der Gewalt ab. Ihr Verbot würde den Naziterror schaden- beseitigen würde sie ihn nicht.

Zum Schluß noch das: Ich habe mit Schrecken gehört, dass die Mitglieder der so genannten NSU meine Musik gemocht haben. Leute, vielleicht bin ich ein Träumer: Aber ich glaube, wenn man sich mit diesen Typen frühzeitig und ernsthaft und entschlossen auseinandergesetzt hätte, wäre der Weg dieser Typen vielleicht anders verlaufen.

Ich ziehe meinen Hut vor allen, die sich um wahre Menschlichkeit und Toleranz, um Demut und Mitgefühl bemühen. Ich bewundere all jene, die sich in Dörfern und Städten den Nazis entgegenstellen.
Und alle, die sich dass sich trauen, oder keine Zeit haben, aber ein bisschen Geld übrig haben, möchte ich bitten, Initiativen gegen rechts zu unterstützen. Das haben diese Leute wirklich verdient. Und das sind wir ihnen schuldig.

Schluss mit dem ganzen Nazischeiß!

Udo Lindenberg

http://www.stern.de/politik/deutschland/ein-offener-brief-von-udo-lindenberg-schluss-mit-dem-ganzen-nazischeiss-1835215.html

------------------------------------------------------------------------------------------

18.04.2012

EXIT-Deutschland - Gutes Praxisbeispiel der Europäischen Kommission

Europäische Kommission des Europäischen Sozialfonds (ESF) zum Projektbesuch bei EXIT-Deutschland ...

Die Kommission reist jährlich durch die Länder der EU, um ausgewählte Projekte, deren Arbeit durch Mittel des ESF unterstützt wird, zu besuchen. Es freut uns, dass EXIT-Deutschland im März 2012 nicht nur seine Arbeit vorstellen konnte, sondern sogar als eines der wenigen herausragenden Praxisbeispiele im Bereich der sozialen Integration ausgewählt wurde.

Das Projekt „Seitenwechsel – Ausstieg als Einstieg in ein neues Leben“ (Schwerpunkt Arbeitsmarktintegration von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene) von EXIT-Deutschland wird aktuell im Rahmen des XENOS-Sonderprogramms „Ausstieg in den Einstieg" durch den
ESF und das Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gefördert.

-------------------------------------------------------------------------------------------

30.03.2012

Are You Looking to Escape from Your neo-Nazi Past?

by Gabriela Whitehill

http://www.vice.com/en_uk/read/are-you-looking-to-break-away-from-your-nazi-gang-exit-deutchland-bernd-wagner

-----------------------------------------------------------------------------------------

30.03.2012

Neonazi-Aussteiger: Behörden waren vor Rechtsterrorismus gewarnt

Interview mit Ingo Hasselbach im Deutschlandradio Kultur: "Man muss diesen Leuten den Boden unter den Füßen wegziehen".

Neonazi-Aussteiger: Behörden waren vor Rechtsterrorismus gewarnt
Ingo Hasselbach über rechtsextreme Gruppen und ein mögliches NPD-Verbotsverfahren

Deutschlandradio Kultur, 24.03.2012

Moderation: Claudia van Laak und Ulrich Ziegler

"Der Ex-Neonazi Ingo Hasselbach hat sich für ein NPD-Verbot ausgesprochen. Mit den Taten der Zwickauer Terrorzelle habe rechte Gewalt eine neue Dimension erreicht. "Man muss diesen Leuten den Boden unter den Füßen wegziehen", so Hasselbach. Den Ermittlern wirft er Versagen vor. ... "

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/tacheles/1712822

-----------------------------------------------------------------------------------------

26.03.2012

Propaganda, Hass, Mord - Filmtipp

Die Geschichte des rechten Terrors
Film von Rainer Fromm und Rolf-Axel Kriszun
Montag, 26.03.2012, ARD 22.45 Uhr

"Zehn Morde der Zwickauer Neonazi-Zelle - der Aufschrei ist schnell verklungen, die Gesellschaft längst wieder im Alltag angekommen. Doch wie konnte es soweit kommen?
Die Dokumentation rekonstruiert, wie die Blutspur des neonazistischen Terrors vor mehr als 30 Jahren gelegt wurde. ...." © MDR/NDR, Länge: 45 Minuten

http://programm.daserste.de/pages/programm/detailArch.aspx?id=E0C8618768FF1E60153E8C403325BC3B

------------------------------------------------------------------------------------------

22. 03. 2012

V-Leute in der NPD "Informationen sind oft irrelevant"

P1050487

Ein erster Anlauf, die NPD zu verbieten, scheiterte an den vielen V-Leute in der Partei. Auch für einen zweiten Versuch gelten die Informanten als Hemmschuh. Doch was bringen auskunftswillige Neonazis den Behörden eigentlich? Neonazi-Ausstiegshelfer Fabian Wichmann von Exit Deutschland sagt n-tv.de, die gewonnenen Informationen seien oft "nur bedingt" verlässlich. Wichmann erklärt zudem, wie die Zusammenarbeit konkret abläuft. In seiner Arbeit als Fallbetreuer hat er es immer                                                          wieder mit Aussteigern zu tun, die auch in Kontakt mit dem Verfassungsschutz standen.

http://www.n-tv.de/politik/Informationen-sind-oft-irrelevant-article5824871.html

-------------------------------------------------------------------------------------------

06.02.2012

Kenne deine Gegner!

Als Polizist nahm er Neonazis fest. Als Chef einer Aussteigerinitiative ...
Artikel über die Arbeit Bernd Wagner.

Artikel im Tagesspiegel vom 06.02.2012

http://www.tagesspiegel.de/zeitung/kenne-deine-gegner/6160804.html

-------------------------------------------------------------------------------------------

29.01.2012

KRIEGERIN

Kinoveranstaltung von EXIT-Deutschland zum Film KRIEGERIN für den Landkreis Dahme-Spreewald

EXIT-Deutschland und der Aktionskreis ehemaliger Rechtsextremisten / EXIT-Deutschland luden am 27.01.2012 im Capitol - Das KULTurKINO Königs Wusterhausen zur Filmvorführung mit anschließender Diskussion ein.

Jung, weiblich, rechtsradikal. Marisa ist Anfang 20, Neonazi und rast durch ihre Welt wie ein offenes Rasiermesser. Ihre Welt ist die ostdeutsche Provinz und ihr Alltag ist geprägt von Fremdenfeindlichkeit, Hass, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit. Dank gründlicher Recherche gibt der Film Einblicke in dieses Milieu, die so bisher auf der Leinwand noch nicht zu sehen waren. Neu an diesem Film zum Thema Rechtsextremismus ist auch, dass zwei Frauen die Hauptrollen spielen. Spätesten seit der erschütternden Mordserie der Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund wird die Rolle der Frau innerhalb der rechtsextremen Szene neu diskutiert.

EXIT-Deutschland dankt Innenminister Dietmar Woidke für den laut der grundsätzlichen Rechtsauffassung der Staatsschutzabteilung des LKA Brandenburg wohl polizeirechtswidrigen Schutz der Vorführung vor rechtsextremen Übergriffen.

--------------------------------------------------------------------------------------------

19.01.2011

Kriegerinnen

KRIEGERIN ab 19.01.2012 im Kino

Kommentar von Bernd Wagner

Interview EXIT-Deutschland

Von Bernd Wagner

Seit einiger Zeit ist die Welt auf den Geschmack gekommen: die Frau und der Rechtsextremismus.

Ein neues Modethema ward geboren. Dabei ist den Beobachtern schon in den 1990er Jahren klar, dass sich ein sozial-kultureller Phasenwechsel vollzieht. Schon damals gab es in wachsender Zahl Mädchen und Frauen, die nicht nur rechtsextreme Freunde hatten, sondern eigenständig mit und ohne Partner zu Ideologinnen und Aktivistinnen aufstiegen. Einige davon sind mit Hilfe von EXIT-Deutschland ausgestiegen und haben für sich und ihre Kinder kaum geschützt ein neues Leben aufgebaut. Die Probleme und Risiken, die ein Ausstieg gerade für Frauen mit Kindern mit sich bringt, sind erheblich. Antworten von Seiten der Politik, von Polizei und Justiz oder den vielen „Genderbeauftragten“ der Demokratie blieben bis dato aus.

Der Film KRIEGERIN von David Wnendt zeigt einen realistischen Ausschnitt der Konsequenzen dieser Entwicklung. Ein guter und verdienstvoller Film, in dem sich ehemalige Nazifrauen wiedererkennen können.

Auch wenn nicht alle so sind wie Marisa, der Protagonistin des Films, ist die Militanz durchaus ein Bestandteil der Persönlichkeit von rechtsextremen Frauen geworden. Sie stehen heute als Soldatinnen an den vielfältigen Fronten des Nationalen Widerstands, auch mittels Gewalt, wie der Fall Zschäpe zeigt. Zugleich leben die klassischen Rollen fort: Kindererziehung, Gebären für die Rasse, für das Volk, damit sich Leute wie Thilo Sarrazin nicht mehr ob des vermeintlich drohenden Volkstods grämen müssen. Sie dienen damit einer Mission, einem Gaukelwerk, das scheinbar ein gutes Leben zu verheißen scheint.

Die Zugänge zur rechtsextremen Szene unterschieden sich für Mädchen und Jungen kaum noch. Peergroup, Musik, Mode, Welterklärung. Eine wichtige Größe ist das Internet geworden, aber auch die Normalität eines völkischen Lebens in Familien ist ein Grund.

EXIT-Deutschland wird sich auch zukünftig dem Thema widmen – denn unabhängig von wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen haben wir es in der Praxis mit handfesten Problemen zu tun, die zu lösen sind.

 

INTERVIEW EXIT-Deutschland

EXIT-Deutschland sprach mit Annika, Mitte 20 und bis vor einiger Zeit in der bayerischen Neonaziszene aktiv, gehörte aber nicht direkt zum Gewaltfeld. Oft nahm sie an Demonstrationen, Konzerten und anderen Aktivitäten teil. Nun ist sie ausgestiegen und wird von EXIT-Deutschland unterstützt. Im Interview gibt sie Auskunft zu ihren Bezügen zur rechtsextremen Szene, der Rolle von Gewalt und ihrem Ausstieg.

• Wie bist du in die Szene gekommen und warum hast du sie verlassen?

Ich bin durch meine Familie in die Neonaziszene gekommen, bei uns zu Hause war das leider normal. Mit der eigenen Familienplanung wuchsen dann die Zweifel, ob ich meine Kinder auch einmal so erziehen möchte. Die darauf folgende Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Themen hat mich davon überzeugt, dass ich mit diesem Hass nicht mehr leben kann und möchte. Jemand aus meinem Umfeld hat mich an EXIT-Deutschland gebracht

• Welche Rolle spielt Gewalt in der Szene? Wurdest du Opfer von Gewalt vor oder nach dem Ausstieg?

Gewalt spielt eine große Rolle. Viele profilieren sich intern mit ihren Gewalttaten, in den populärsten Liedern der rechtsextremen Musik geht es um Gewalt. Dass die Gewalt nicht nur besungen wird, zeigten ja auch die schrecklichen Taten der Zwickauer Terrorzelle. Besonders gegen antifaschistische Akteure und „Aussteiger“ ist kaum eine Hemmschwelle zu erkennen, da ist jedes Mittel recht, um den „Feind“ zu bekämpfen. Mir selbst wurde aber bisher keine Gewalt angetan.

• Ist der Ausstieg für Frauen schwerer? Was unterscheidet sich vom Ausstieg von Männern?

Grundsätzlich ist wahrscheinlich für jeden der Ausstieg gleich schwer - egal ob männlich oder weiblich. Wie komplex ein Ausstieg ist, hängt eher davon ab, wie aktiv man vorher in der Szene war und in welchen Kreisen man sich dort bewegt hat. Es ist auch relevant, wie weit man sich dann schon verankert hat, zum Beispiel wenn man als Frau mit einem aktiven Neonazi verheiratet ist oder sogar ein Kind von ihm hat. Dann kann es natürlich schon noch bedeutend schwerer werden. Generell zeigen meine Erfahrungen mir aber, dass Männer nach einem Ausstieg viel mehr Angst vor Racheaktionen in Form von körperlichen Übergriffen haben müssen als Frauen.

• Kann man ganz aus der rechtsextremen Szene aussteigen? Was kommt danach?

Ja, man kann ganz aussteigen, man kann auch dieses menschenverachtende Gedankengut hinter sich lassen und ein "normaler" Mensch in der Gesellschaft werden aber diese Lebensabschnitt wird immer gegenwärtig sein, einen immer verfolgen. Ich finde man sollte diese Erfahrungen einfach nutzen und sich dafür einsetzen, dass anderen Menschen nicht ähnliches passiert. Institutionen, die sich intensiv mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen, darüber informieren und versuchen, Menschen aus der Szene wieder herauszuholen, müssen viel mehr ausgebaut werden.

• Wie denkst du jetzt über deine Zeit in der Nazi-Szene?

Ich schäme mich und kann mich in mich selbst nicht mehr hineinversetzen. Besonders beschämend ist, dass ich in dieser Zeit selber nie wahrgenommen habe, welchen Schaden die von mir unterstützten Parolen eigentlich für andere Menschen bedeuten.

• Hattest du auch Freunde außerhalb der Szene?

Ja, ich hatte Freunde außerhalb der Szene, aber das ist eigentlich nicht die Regel. Die meisten sind sozial komplett isoliert, oft haben sich nicht nur Freunde, sondern auch die gesamte Familie abgewandt. Für diese Personen ist es besonders schwierig, aus der Szene zu kommen, weil weder Druck noch Hilfe von außen da sind.

• Welche Rollen nehmen Frauen in der rechtsextremen Szene ein? Ist man Männern ebenbürtig?

Frauen sind in der Szene Männern nicht gleichgestellt. Frauen haben ihre festen Aufgaben, für die sie wichtig und unabkömmlich sind. Ich hatte immer das Gefühl, dass gerade in der NPD Frauen gerne für die Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel an Infoständen benutzt werden, weil sie für den normalen Bürger vertrauenerweckender sind.

• Wie denkst du jetzt politisch?

Ich finde es besonders wichtig, dass wir unsere Demokratie fördern und verteidigen. Und wir müssen aus der Vergangenheit Deutschlands lernen. Gerade wenn wir uns mit der Nazi-Zeit und der DDR befassen, können wir doch nicht so dumm sein und unser jetziges System aufs Spiel setzen und verteufeln. Politische Veränderungen sind wichtig, es ist auch wichtig, dass man sich gegen Dinge einsetzt, die in der Politik falsch laufen. Aber das alles nur auf dem Boden unseres demokratischen Rechtsstaates. Das ist eigentlich die wichtigste Erkenntnis aus meiner Zeit in der rechtsextremen Szene.

• Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Meine Wünsche sind seit meinem Ausstieg eigentlich alle in Erfüllung gegangen. Aber ich wünsche mir für uns alle, dass das öffentliche Interesse an Rechtsextremismus nicht wieder nur ein Strohfeuer aufgrund der aktuellen Ereignisse ist, sondern endlich wirklich als wichtig angesehen wird.

©EXIT-Deutschland

--------------------------------------------------------------------------------------------

05.01.2012

Trojaner T-Shirt - Social-Media-Hit 2011

Die „Operation Trojaner T-Hemd“ war der Social-Media-Hit des Jahres 2011 ....

Mit einem trojanischen Shirt hat EXIT-Deutschland im Sommer 2011 für Aufsehen in der rechtsextremen Szene und darüber hinaus gesorgt.

Fast 100.000 Mal wurde der Artikel, den die Süddeutsche Zeitung über die Aktion geschrieben hat, bei Facebook, Twitter und Google+ empfohlen - eine gigantische Zahl, an die 2011 laut
ZDF-Hyperland-Charts kein anderer publizistischer Beitrag herankam.

Aber nicht nur die Empfehlungen in sozialen Netzwerken waren gigantisch. Mehr als hundert internationale Medien berichteten über die „Operation Trojaner T-Hemd“, darunter Times, Guardian, BBC, Le Monde, die Rachel Maddow Show, The Local, Toronto Sun, Herald Sun oder Chinadaily.
Hinzu kamen Berichte in der australischen, neuseeländischen, japanischen, polnischen, russischen und südafrikanischen und arabischen Presse. In Deutschland berichteten über 200 Zeitungen, Blogs und Foren über die Aktion, darunter die Süddeutsche Zeitung, der Stern, der Spiegel und viele andere Tageszeitungen.

Mit dieser erfreulichen und positiven Resonanz haben wir nicht gerechnet und hoffen, dass dem Thema Rechtsextremismus und den Initiativen, die sich mit dem Thema befassen, auch zukünftig
eine entsprechende Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Vielen Dank an alle Unterstützer und die vielen positiven Rückmeldungen.

Infos zur "Operation Trojaner T-Hemd" >>>

------------------------------------------------------------------------------------------

16.12.2011

Akademie-Gespräch

43. Akademie-Gespräch mit Bernd Wagner in der Akademie der Künste, Berlin - 14.12.2011
Artikel
Rechtsstaat und Rechtsterrorismus

Was tun gegen Rechts? Demokratie verteidigen!

43. Akademie-Gespräch mit Bernd Wagner in der Akademie der Künste, Berlin

Mittwoch, 14. Dezember 2011, 19 Uhr

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin, Plenarsaal,

Es bedurfte nicht erst der Mordtaten eines „Zwickauer Trios“, um festzustellen, dass der Rechtsradikalismus die demokratische Gesellschaft bedroht. Der Berliner Terrorismusexperte
Bernd Wagner warnt: „Kleinere Gruppen arbeiten daran, terrorismusfähig zu werden.“ Magdalena Marsovszky forscht seit Jahren, wie völkische Ideologie, Antisemitismus und nationalistische Verblendung das politische Klima in Mittel- und Osteuropa vergiften. Andres Veiel hat sowohl über den Terror der RAF als auch über die Gewaltaktionen in der rechten Szene Filme gedreht. Uwe-Karsten Heye widmet sich Jugendprojekten, die Alternativen bieten und zur Demokratie erziehen.
Die Akademie der Künste engagiert sich seit Jahren u.a. mit ihrem Projekt „Kunstwelten“ in ostdeutschen Schulen auch gegen die Verbreitung rechter Ideologien. Ein Akademie-Gespräch, das die Gefahren rechtsextremer Entwicklungen analysieren will und ohne Alarmismus danach fragt, wie europaweit verhindert werden kann, dass die braune Bewegung vom rechten Rand weiter in die Mitte der Gesellschaft vordringt.

Es diskutieren:

Liane von Billerbeck, Journalistin

Uwe-Karsten Heye, Journalist, Vorstandsvorsitzender von „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.“

Magdalena Marsovszky, Kulturwissenschaftlerin und Publizistin

Andres Veiel, Filmemacher und Autor, Mitglied der Akademie der Künste

Bernd Wagner, Kriminalist und Rechtsextremismus-Experte

Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste

 

------------------------------------------------------------------------------------------

 09.12.2011

Die Hauptkampflinie hat den Kampf eingestellt.

Bernd Wagner

Die „Hauptkampfline“ hat den Kampf eingestellt. 2010 kam Oliver Podjaski zur Besinnung.

Seither hat er Kontakt zu EXIT-Deutschland.

Am 2. Dezember 2011 übermittelte er den Künstlern und Initiativen, die in Jena zusammenkamen, folgende Botschaft:

„Ich war viele Jahre in der Neonaziszene aktiv. Heute, wenn ich zurückblicke, kann ich es gar nicht fassen und weiß: Jeder Tag war einer zu viel! Mein Handeln war verantwortungslos und dumm ... heute weiß ich das!

Die feigen Morde an unschuldigen Menschen machen mich traurig und wütend! Ich wünsche mir, dass auch dem Letzten klar wird, wohin der Weg des Nationalismus und des Hasses führt! Die Veranstaltung „Rock gegen Rechts“ in Jena hat meine volle Zustimmung! Ich hoffe, dass noch viele solcher Veranstaltungen folgen, denn es muss endlich etwas geschehen. Die Menschen müssen endlich aufwachen!“

EXIT-Deutschland unterstützt Oliver Podjaski auf seinem Weg jenseits und gegen den menschenfeindlichen Ungeist.

 

--------------------------------------------------------------------------------------------

01.12.2011

Rechtsextremer Terrorismus - Interviews mit Bernd Wagner

28. November 2011

Extremismusforscher Wagner
"Die Behörden hatten keine Ahnung, mit wem sie es zu tun haben"

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,799884,00.html

 

23. November 2011

Rechte Gewalt in Deutschland - Der Sicherheitsstaat ist entgleist
Die rechtsextreme Mordserie bringt nicht nur die Staatsorgane ins Wanken - sie zeigt: Neonazis setzen der Gesellschaft mehr zu, als sie wahrhaben will. Ein Gastbeitrag von Bernd Wagner

http://www.stern.de/politik/deutschland/rechte-gewalt-in-deutschland-der-sicherheitsstaat-ist-entgleist-1754294.html

 

-------------------------------------------------------------------------------------------- 

17.11.2011

Fachtag

Moderner Rechtsextremismus im Landkreis Dahme-Spreewald
16. November 2011 in Halbe

Seit Jahren engagiert sich der Landkreis Dahme-Spreewald in Sachen Demokratie und gegen verfassungsfeindliche Bestrebungen von Rechtsextremisten aller Schattierungen. Umso mehr war
die nun erkannte, unsägliche terroristische Blutspur und Wirksamkeit von Rechtsstaat und Demokratie ein Anlass, erneut Bilanz zu ziehen und Positionen neu zu bestimmen. Dem diente der „Fachtag Moderner Rechtsextremismus im Landkreis Dahme-Spreewald“. Die Initiative dafür ging vom Landkreis aus und wurde im Rahmen des Lokalen Aktionsplans in Zusammenarbeit mit der Initiative EXIT-Deutschland ausgerichtet. Teilgenommen haben Träger der Jugendhilfe, Vertreter aus Politik und Verwaltung, Bürgerbündnissen und Kirche. Im Mittelpunkt des Tages standen die Fragen, wie die Werte der Demokratie im Alltag zu sichern sind, wie sie vermittelt werden können, welche Möglichkeiten und Grenzen es gibt. Zugleich wurde erörtert, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um den ideologischen, demokratiefeindlichen und gewaltorientierten Fanatismus von Rechtsextremisten aller Altersgruppen verringern zu können. Vorträge von Winfriede Schreiber (Chefin des Brandenburger Verfassungsschutzes), Bernd Wagner (EXIT-Deutschland), Professor
Hajo Funke (Freien Universität Berlin) lieferten dafür detailreiche Grundlagen. Eine Analyse derzeitiger Aktivitäten und eine Podiumsdiskussion mit ehemaligen Naziaktivisten aus militanten rechtsextremistischen Szenen brachten wichtige Aufschlüsse. Im Ergebnis wurde festgehalten, dass Leben und Gesundheit, Freiheit und Würde von Menschen nur dann erfolgreich geschützt werden können, wenn die Sicherheitskräfte in enger Verbindung mit der gesamten demokratischen Gesellschaft, der Politik, der Verwaltung und Bürgergruppen arbeiten.

Als ein wichtiges Erfordernis wurde dabei die Schnelligkeit und angemessene Dichte der Kommunikation von staatlichen Veranwortungsträgern und Bürgerorganisationen im Land und im Kreis herausgehoben. Landrat Stephan Loge, der ein klares Bekenntnis zur Sicherung der Grundrechte durch den demokratischen Staat abgab, mahnte zusammenfassend an, ein neues Kommunikationsmodell zu entwickeln, das auch angesichts terroristischer Bedrohungen den Anforderungen standhält.

Außerdem muss das Engagement stärker als bisher mit professionellem Können auf allen Gebieten der Intervention für die Freiheitswerte verbunden werden, hieß es auf dem Fachtag. Die unmittelbare kritische Auseinandersetzung mit rechtsextremistischen Ideologien gehöre mehr noch als bisher zum täglichen Handeln, betonten viele Teilnehmer.

Der Fachtag zeigte somit Leitlinien des künftigen demokratischen Handelns zwischen Bewährtem und Neuem auf. Es wurde neue Verabredungen zur Zusammenarbeit getroffen und neue Ideen für mögliche Initiativen entwickelt.

EXIT-Deutschland

-------------------------------------------------------------------------------------------

14.11.2011

Rechtsextremer Terrorismus

ZDF stellt Drei Fragen an Bernd Wagner

Auf rechtem Auge kurzsichtig?

Fehler bei den Geheimdiensten?

Welche Konsequenzen sind nötig?

http://modultool.zdf.de/public/Drei_Fragen_an_Bernd_Wagner/index.html

------------------------------------------------------------------------------------------ 

19.10.2011

Bumerang? Zur Frage der Vergangenheit in rechtsextremen Gruppen und Parteien

Die Vergangenheit kommt immer wieder zurück. Sie lässt sich trefflich einsetzen, um einen Mythos zu weben oder Menschen zu demontieren.

Nun ist nicht jede Vergangenheit überall präsentabel, weil sie belastet ist von Ansichten und Taten, die abgelehnt oder geächtet werden. Dazu gehört heute die Mitgliedschaft in rechtsextremen Gruppen und Parteien. Mit der Feststellung einer solchen Vergangenheit wird nicht selten der Gedanke verbunden, dass sie eine „unheilbare Krankheit“ darstelle, gar ein Verbrechen, dass sich als Stigma bis zum Tode eines Menschen hinziehe. Andere dagegen meinen, dass es mit der Feststellung getan sei, dass nur eine Jugendsünde begangen worden sei.

Die Frage jedoch ist eine andere. Wie stelle ich mich heute zu meinen Ansichten und Einstellungen zum Menschen, welches Bild habe ich von ihm, welche Vorstellungen habe ich von den Werten der Gesellschaft. Lebe ich in einer inneren Welt, die die Freiheit, die Würde, die Rechte jedes Menschen, die Gleichwertigkeit verwirft oder in einer, die sich diesen Werten verpflichtet sieht. Bin ich gegen oder für diese Menschenrechte tätig, achte und fördere ich die Grundrechte anderer oder gehe ich gegen sie vor. Dazu gehört die Frage, ob und welche Schuld ich auf mich geladen habe, die Rechte und Freiheit von Menschen, deren Leben und Gesundheit beschädigt zu haben. Für die Gegenwart und die Zukunft wichtig ist es, in welche Richtung ich mich entschieden habe, welche Verantwortung ich übernehme, wofür ich mich heute aus innerer Überzeugung eintrete. Das schließt die politische Aktivität mit ein. Strafrechtliche und moralische Schuld zu bekennen, gehört als Akt dazu.

Es gehört zu einem heutigen Bild der Menschenwürde, dass es möglich ist, eine neue Haltung zum Leben und zu anderen Menschen, zu den gesellschaftlichen Verhältnissen einzunehmen, für neue Überzeugungen einzutreten. Deshalb ist es nicht politisch und moralisch verwerflich, wenn ein ehemaliges Mitglied der NPD sich in einer demokratischen, nicht verfassungsfeindlichen Partei mitwirkt und auch Verantwortung übernimmt. Die Voraussetzung ist natürlich, dass das Weltbild der NPD und anderer Rechtsextremisten aus dem Kopf verschwunden ist.

Es gibt ehemalige Nazis und NPDler, die sich heute in einer der demokratischen Partei engagieren. Andere helfen im AKTIONSKREIS Ehemaliger mit, über den menschenfeindlichen Charakter von Ideologien der Ungleichwertigkeit aufzuklären und den Weg ihrer persönlichen Einsicht zu verdeutlichen. Das ist kein Spaziergang, weil auch Schande öffentlich bekannt wird, auf die die Betreffenden nicht stolz sind.

Sinnvoll ist es, Menschen, dort wo es geboten erscheint, über die eigene Vergangenheit zu informieren. Das ist dann unzweckmäßig, wenn Gefahr für Leib und Leben droht. Dort aber wo politische, öffentliche Funktionen in Rede sind, sollte über die Vergangenheit und ihre inhaltlichen Fragen in politischer und ethischer Hinsicht gesprochen werden, auch wenn es allen Beteiligten wehtut. Ausgrenzung und Ächtung sind der falsche Weg.

Bernd Wagner

------------------------------------------------------------------------------------------- 

17.10.2011

Mit Nazis reden

Soll man mit Rechtsextremen reden und wenn ja, wie? Und wenn nein, warum nicht? Reicht es zu sagen, man wolle nicht an jeder Mülltonne schnuppern, oder macht man es sich da nicht zu einfach? Spreeblick sprach dazu mit Bernd Wagner von EXIT-Deutschland, der dafür plädiert mit Nazis zu reden.

SPREEBLICK: Aus welchem Milieu stammen Ihren Erfahrungen nach Mitglieder der rechtsextremen Szene?

WAGNER: Soziologisch gesehen sind Menschen aus allen sozialen Klassen und Schichten dort anzutreffen. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den rechtsextremen Zusammenschlüssen. Junge Leute dominieren, besonders jüngere Männer. Diese bilden den vordergründig den aktionistisch-öffentlichen, radikalen Teil, das Gewaltmilieu. Geführt werden sie zumeist von Männern über 20 Jahre, manche „altgedient“ viele Jahre dabei. Junge Familien spielen eine zunehmende Rolle.
Eine vollständige Sozial- und Mentalitätsstrukturanalyse gibt es derzeit nicht, allenfalls verschiedene Splitter, die neben der Beobachtung der Szene, Zahlen und Proportionen von Szenemerkmalen darstellen. Ebenfalls ist das Gesamtpotential nicht klar herausgearbeitet, zumal die Muster, nach denen Rechtsextremisten als solche vermessen werden, höchst unterschiedlich aufgebaut sind, mitunter recht willkürlich. Ämter wie der Verfassungsschutz, vermessen kurz, Polizeien noch kürzer, andere länger. Einige Faustregeln: Arbeitsaufwand, Definition weg vom Gefahrenfaktor, politisch-ideologischer Status. Wieder Andere haben keine Vorstellung und keinen Plan, auch eine Methode der Auseinandersetzung.

Diese Lücken sind allerdings zu verschmerzen, werden doch angesichts derer als Ausgleich kühne und verwegene politische Entscheidungen gefällt, wie „Sonderprogramme“ für viele kleine Initiativen und das Gesichter-Zeigen gegen den Rechtsextremismus, oft sind es dann streubreite Bemühungen um gute Haltungsnoten, darunter aber auch einige sehr wertvolle Beiträge für Freiheit und Menschenwürde.

Die wichtigste Zahl, die diese Entscheidungen grundiert, ist die der potentiellen Wähler. Das Wählerfeld wird von den herausragenden Wahlforschern beständig auf nicht mehr als 15 Prozent
der Wahlberechtigten bestimmt. Zwar hilft das nicht den Opfern rechtsextremer Gewalt, beruhig
aber elitär Etablierte in Büros, auf Jachten, in Partyrooms und Panzer-Limousinen.

SPREEBLICK: Inwiefern ist ein Mitglied der rechtsextremen Szene politischen Argumenten zugänglich? Anders gefragt: Lassen sich Rechtsextreme in Diskussionen überzeugen?

WAGNER: Das wohl kaum und das schon gar nicht in einem Akt, nach dem Motto „Wort erleuchte“. Überzeugungen sind ein Ergebnis langer Wege die Menschen gehen, abhängig von Bildung und Erfahrungen, von den Werten und Erkenntnissen über die Welt, abhängig von Vorbildern und Machtverhältnissen. Doch argumentieren, nicht mit politischen Demokratiefloskeln und künstlicher Aufregung, was gerade hoch in Blüte steht, ist nicht zwecklos, wenn es Denken anregt, Zweifel hervorbringt, andere Begründungen von Ereignissen und Zusammenhängen. Schon oft kam es dadurch nach längerer Zeit zu einem „Andersdenken“, das der erste Schritt zum geistigen und wirklichen Ausstieg aus der Szene sein kann. Also ran an die Argumentation. Und immer wieder,
nicht nachlassen. Die rechtsextremen Ideologien sind nicht wetterfest, auch nicht in ihrer Gewalt-Aura. Dazu sollte unbedingt Wissen über die inneren Zusammenhänge und Elemente rechtsextremer Weltanschauungen und den zu „argumentierenden Rechtsextremisten“ vorhanden sein und nicht nur das Merkblatt für weiße demokratische Ritter. Auch die Situation und der Anlass sind nicht unwichtig. Persönliche Arroganz und Überlegenheitseinbildungen sind schlechte Begleiter, um Leute
anzusprechen. Ethik ist ein sehr wichtiger Bereich und der der Geschichte der menschlichen Verhältnisse sowie die Frage nach den Ideologien und politischen Religionen, die Glaubens- und Wahrheitsbilder. Sie sehen, ein komplexes Ding. Es ist eben doch nicht so einfach, mit pauschalen Abwertungsparolen, Bannflüchen und Ausgrenzungsaktionen neue Sichten und Überzeugungen zu vermitteln.

SPREEBLICK: Gibt es bestimmte Voraussetzungen für solche Diskussionen?

WAGNER: Wie gesagt, Kenntnisse, Intuition, Menschenkenntnis, situativer Überblick, Sprache und ihr sicherer Gebrauch, Analysekraft und Schlagfertigkeit. Das sind wichtige Voraussetzungen für derartige Gespräche. Die Wahl der günstigen Situation. Der Mut zu bekennen auch unter mancher Unkenntnis zu leiden, wenn es so ist. Umgang mit Aggressivität lernen. Das ist wahrlich nicht einfach, aber immer wieder notwendig zu trainieren. Gespräche sollen auch abgebrochen werden, wenn es im Augenblick ein negativer Kreislauf ist. Und doch: einen Faden zu behalten für ein weiteres, wenn es aushaltbar erscheint. Wenn es gewalttätig wird, geht natürlich nichts mehr, notfalls nur der Staatsanwalt.

SPREEBLICK: Sie helfen Menschen, die aus der rechtsextremen Szene aussteigen wollen: Welche Gründe haben diese Menschen, auszusteigen?

WAGNER: Sehr viele lebenspraktische, persönliche und idealistische Gründe. Sie zweifeln und haben die Schnauze voll, sie sehen sich auf einem persönlichen, ideologischen und politischen Irrweg, in unterschiedlichen Proportionen. Manche Aussteiger wollen einfach nicht mehr von selbsternannten Rassisten-Stars missbraucht, manipuliert und auf die Nationale Revolution vertröstet werden, wollen nur einen friedlichen Lebensweg gehen, mit Mutter und Vater, Frau und Kind ohne Hass und Gewalt, ohne Knast. Ein neuer Sinn wird gebraucht, nicht der des Bewegungssoldaten für die „Sache“. Wieder andere sind ausgebrannt und glauben nicht mehr an den Endsieg. Die historische Mission ist passé. Sie ist in ihren Köpfen nur noch eine Lüge, der sie glaubten und dem Leben eine Zeit lang Orientierung und Bedeutung gab. Eine Pseudologia Phantastica.
Dann sind da noch politische und Glaubens-Dissidenten, die zu Recht die notwendige öffentliche Kritik suchen. Alle zusammen leben Formen der Dissidenz von der extremistischen Bewegung, wenn die innere Bindung aufhört, ein neues Denken aufkommt und sich durchsetzt. Das ist möglich und soll möglich sein, auch wenn die Zweifler an dieser Möglichkeit weit verbreitet sind. Oft sind diese selbst Irrgläubige. Im Unterschied zur Antifa oder Staatsbeamten sehe ich keine wertvollen oder banalen Gründe, die nach einer grobschlächtigen Skala benotet werden, nach der der menschliche Wert und gesellschaftliche Zuwendung bemessen werden. Diese Zuwendung ist wichtig für den Wert der demokratischen Werte der Freiheit und Menschenwürde und deren Wehrhaftigkeit.

Frédéric Valin | 28.09.2009

Artikelübernahme mit freundlicher Genehmigung von spreeblick.com. Der gesamte Artikel kann unter: www.spreeblick.com/2009/09/28/mit-nazis-reden/ abgerufen werden.

---------------------------------------------------------------------------------------------

10.10.2011

Der Feind liest mit ...

Das Thema Internet ist auch für Neonazis relevant. Im Web 2.0, auf Blogs und in Foren tummeln sie sich. Über die Wichtigkeit des Internets sprachen wir mit Franka, die bis vor kurzen in der Neonazi-Szene aktiv vor.

EXIT: Ist das Internet ein wichtiges Medium für die Naziszene?

Natürlich ist es wichtig. In den letzten sechs Jahren hat sich 70 bis 80 Prozent der Vernetzung ins Internet verlagert. Wichtiger als die öffentliche NPD-Seite oder die sozialen Netzwerke sind die versteckten Foren, auf denen für Demonstrationen geworben wird. Es gibt sogar Kontaktbörsen von Neonazis. Dort bleibt man unter sich und kann sich austauschen. Darauf sollte man das Augenmerk richten.

EXIT: Und wie komme ich als außenstehende Person in solche Foren?

Wenn man an die Adresse von versteckten Foren herangekommen ist, braucht man bestimmte Zugangsdaten. Die User werden auch manchmal überprüft, ob sie auch wirklich in die Kreise gehören. Das heißt, man muss entweder einen Nachweis schicken, seine Telefonnummer oder seinen Wohnort preisgeben. Wenn man nicht sagen kann, mit welchen Kameradschaften man Kontakt hat, wird man nicht rein gelassen. Es gibt auch öffentliche Foren. Da kann man sich einfach anmelden.

EXIT: Und hält man sich in öffentlichen Foren dann zurück, weil der „Feind“ mitlesen könnte?

Ja, bei öffentlichen Foren, die eigentlich nur für Nazis sein sollten, wird man nichts bekanntgeben und sich auch nicht austauschen. Dazu wird auf geschlossene Foren verwiesen, in denen man sich erst einmal „outen“ muss. Kameradschaften haben unter sich eigene Foren und Webseiten, über die das Ganze läuft.

EXIT: Wenn man sich die Kommentare auf Altermedia oder Thiazi anschaut: wie werden die moderiert?

Das ist von Forum zu Forum verschieden. Es gibt neben dem Betreiber meist noch Administratoren und Moderatoren, die sich darum kümmern, Kommentare freizuschalten oder zu löschen. Wenn es öffentlich ist, schauen sie auch, ob es strafrechtlich relevant ist. Da kommt es aber auch darauf an, ob der Server im In- oder Ausland liegt.

EXIT: Das ist aber auch viel Arbeit, oder?

Ja, die meisten sind arbeitslos und sitzen dann den ganzen Tag vor dem PC. Da geht nichts nebenbei. Es gibt Demonstrationen und Internet. Die leben für die Sache und fühlen sich als würden sie unheimlich viel für ihr Deutschland machen. Bei Altermedia zum Beispiel müssen es mehr als drei Leute sein, damit es funktioniert.

EXIT: Und wie sieht es mit Anweisungen aus, wie Neonazis sich im Internet verhalten sollen?

Ich denke, damit wird einfach nur abgelenkt von der vorhandenen Vernetzung. Hinter den Kulissen kann man gerade mit dem Internet mehr machen und so lenkt man vom eigentlichen Fokus ab.

EXIT: Was ist mit Profilen bei den sozialen Netzwerken? Wie wird reagiert, wenn die gelöscht werden?

Dann macht man sich eben ein neues. Manche haben auch mehrere Profile und sind mit einem immer irgendwie online. Man fällt auch nicht immer gleich mit der Tür ins Haus und kleistert alles mit Hakenkreuzen zu. Es gibt natürlich Dumpfbacken, die das immer wieder tun. Aber es gibt auch die, die subtiler sind und sich an linken Gruppen oder der Polizei vorbeischleichen.

EXIT: Die Vernetzung hat durch das Internet zugenommen. Kann sich die Szene dadurch schneller mobilisieren?

Es könnte so funktionieren, aber dazu sind Nazis zu phlegmatisch. Man muss wochenlang anpreisen und mobilmachen, dann klappt es. Wenn man das nicht macht, sind vielleicht 30 Leute da. Aber mit dem Internet kann man auf Demonstrationen besser reagieren. Bei Blockaden oder Interventionen der Polizei kann man Informationen einfach abrufen, sich dann anders formieren oder woanders hingehen. Da wird sich die Rolle des Internets noch weiterentwickeln.


Das Interview führte Fabian Wichmann.

Das Interview erschien zuerst in der Zeitung "Ermutigen" der Amadeu Antonio Stiftung.

------------------------------------------------------------------------------------------- 

10.10.2011

HNG-Verbot

Die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG) wurde verboten ...

Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich hat mit Wirkung vom heutigen Tag (21.09.2011) den bundesweit größten Neonazi-Verein, die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG), verboten. Seither laufen in den Ländern Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Durchsuchungs- und Beschlagnahmemaßnahmen gegen führende Mitglieder der HNG.

Die HNG war bereits im Herbst vergangenen Jahres Ziel einer breit angelegten Durchsuchungsaktion.

Die zwischenzeitlich ausgewerteten Funde verdeutlichen, dass sich die HNG dem aktiven Kampf gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verschrieben hat. Unter dem Motto "Drinnen wie draußen eine Front." bestärkt die HNG unter dem Deckmantel einer vermeintlich karitativen Betreuung von Strafgefangenen inhaftierte Rechtsextremisten in ihrer nationalistischen Über-zeugung und motiviert sie, in ihrem "Kampf gegen das System" fortzufahren. Demnach ist es gerade nicht ihr Ziel, straffällig gewordene Rechtsextremisten zu resozialisieren, sondern im kriminellen rechtsextremistischen Spektrum dauerhaft zu verankern.

Dazu erklärte der Bundesminister des Innern, Dr. Hans-Peter Friedrich:

"Es war nicht länger hinnehmbar, dass inhaftierte Rechtsextremisten durch die HNG in ihrer aggressiven Haltung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung bestärkt werden. Aus Ablehnung des demokratischen Rechtsstaats sowie der Verherrlichung des Nationalsozialismus versuchte die HNG, rechtsextreme Straftäter in der Szene zu halten. Die HNG hat zur verzeichnenden Radikalisierung der Neonaziszene beigetragen. Mit Solidaritätsbekundungen und finanzieller Unter-stützung stärkte und festigte die HNG über den einzelnen inhaftierten Rechtsextremisten hinaus zugleich auch die rechtsextremistische Szene als Ganzes. Dem galt es, mit den Mitteln der wehr-haften Demokratie wirksam entgegenzutreten. Das haben wir mit dem heutigen Verbot getan."

http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2011/09/verbot_hng.html

EXIT-Deutschland hat die FDP-Fraktion des Deutschen Bundestages, die ein Verbot der HNG beantragt hatte, bei der Erarbeitung der Fakten und Argumente unterstützt. Besonders aktiv
dabei waren ehemaligen Nazis, die mit Hilfe von EXIT-Deutschland ausgestiegen und heute im "AKTIONSKREIS ehemaliger Rechtsextremisten" tätig sind, die mit ihren Kenntnissen und eigenen Erlebnissen aus der Organisation heraus viel dazu beitrugen.

------------------------------------------------------------------------------------------- 

09.08.2011

Attentat in Norwegen - Werkstattgespräch und Interviews

EXIT-Deutschland analysiert Hintergründe

Interview mit Bernd Wagner

radioeins >>             

 

Der Attentäter von Oslo und sein ‚Manifest’

EXIT-Deutschland Werkstattgespräch am 26. Juli 2011 von 12-14 Uhr, Berlin

Am 26. Juli zwischen 12 und 14 Uhr richtete EXIT Deutschland ein Werkstattgespräch zum Osloer Attentäter Anders Breivik und seinem „Manifest“ aus. Es wurden die bisher bekannten Details zur Person zusammengeführt und anschließend sein über 1500 Seiten starkes Werk „2083 – A Declaration of European Independence“ im Detail vorgestellt und analysiert.

Besonderes Augenmerk erhielten die verschieden ideologischen Versatzstücke und Konstruktionen, welche von den Teilnehmern aufgrund der vielfältigen Bezüge zu verschiedensten rechtsextremen Gedankensystemen weltweit als eine recht neuartige Mischform aus diesem Spektrum im europäischen Raum wahrgenommen wurde.

Nach den Diskussionen und Auswertungen der einzelnen thematischen Einheiten des Buches wurden auch die möglichen Auswirkungen auf die europäische, besonders die deutsche, Szene besprochen. Breiviks Ideologie stellt dabei eine äußerst untypische Form des Rechtsextremismus in Europa dar. Dennoch ist davon auszugehen, dass sein Werk, nicht nur durch die zahlreichen und detaillierten praktischen Handlungshinweise (Waffenkunde, Anleitung zur Herstellung von Sprengstoff, Planungsratschläge etc.), sondern eben auch durch diese neuartige und für deutsche Rechtsextremisten größtenteils unbekannte christlich-religiös konnotierte Version einer xenophoben Hassideologie ein äußerst vielseitig nutzbares Repertoire darstellen wird. Obwohl die dezidiert Israel und USA freundlichen Töne des Norwegers und seine christlichen Kreuzzugsfantasien für deutsche Rechtsextremisten befremdlich wirken müssen, bieten sie doch eine Art „unentdecktes Land“ für diese Gruppen hier in Deutschland und Europa.

Da Breivik sich in seinem Werk und in Vernehmungen bereits seiner umfassenden europa- und weltweiten Kontakte rühmte und die von ihm präsentierte Ideologie ausdrücklich „pan-europäisch“ und übernational angelegt ist, kann man eine weitere Verwendung in europäischen Kreisen erwarten.

Durch die Anschläge hat Breivik, wie in seinem „Manifest“ als „Marketingstrategie“ beschrieben, seinem Konvolut aus u.a. Islamophobie, Kreuzfahrerromantik, konkreten Strategien und Ratschlägen eine für Extremisten schwer zu widerstehende Anziehungskraft verliehen.

Im Hinblick auf die Rezeption und Verbreitung seiner hochspeziellen Kulturkampftheorien muss man leider sagen, dass sein Plan schon jetzt aufgegangen ist.

Daniel Köhler, 27. Juli 2011

-------------------------------------------------------------------------------------------

27.07.2011

EXIT-Deutschland - Neue Publikationen

EXIT-Deutschland stellt zwei neue Studien zum modernen Rechtsextremismus in Südbrandenburg vor ..

Volkstod und Unsterblichkeit. Moderner Rechtsextremismus in Südbrandenburg - Agitation, Erscheinungsbild und Kontinuität, EXIT-Deutschland, Berlin, Juni 2011

Lagebericht. Rechtsextremismus im Landkreis Dahme-Spreewald, Mai 2011, EXIT-Deutschland,
Berlin, Mai 2011

               >>> Publikationen