EXIT-Deutschland Botschafter

Aktives bürgerschaftliches Engagement ist in seiner Bedeutung für die Stabilität einer demokratischen Kultur kaum zu überschätzen. Das Eintreten für Freiheit und Würde von Menschen und damit gegen demokratie- und freiheitsfeindliche sowie menschen-verachtende Ideologien im Alltag erfordert Mut – Mut, Gesicht zu zeigen, sich einzumischen, beharrlich Fragen zu stellen und sich dem öffentlichen Diskurs, der Kritik und manchmal auch Bedrohung zu stellen. EXIT-Deutschland konnte seit nunmehr 13 Jahren fast 500 Ausstiege aus der rechtsextremen Szene erfolgreich begleiten, Impulse für die Wissenschaft zu setzen und präventive Bildungs-arbeit leisten. Die Arbeit wurde ermöglicht dank vielfältiger Unterstützung unterschiedlicher Partner in der Öffentlichkeit und hinter den Kulissen.

EXIT Deutschland Botschafter

Für diesen Mut wollte sich EXIT-Deutschland, bei Partnern und Unterstützern bedanken und ihn mit einer Auszeichnung würdigen. Der „EXIT-Botschafter“ versteht sich als Würdigung des Engagements des Einzelnen und zugleich als Repräsentant der Idee von EXIT-Deutschland. Zusammen mit circa 100 Gästen wurden die Botschafter, für ihr Engagement und ihren Mut, sich dem „Ungeist des heutigen Nationalsozialismus’“, wie es Exit-Mitbegründer Bernd Wagner nannte, am 03.11.2013 im Schlosspark Theater geehrt.

Botschafter Ernennung 03.11.2013

Von Anfang an unterstützt wird Exit vom Stern, für dessen Redaktion stellvertretend Andreas Petzold, Hans-Ulrich Jörges und Exit-Mitbegründer Uli Hauser die Auszeichnung entgegen nahmen. Journalisten müssten gesellschaftliche Missstände offenlegen und kritisieren, sagte Chefredakteur Petzold. Das Anwachsen rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung sei ein solcher Missstand. Einer, dem bis heute 183 Menschen zum Opfer gefallen seien. Teilweise habe der Staat sein Gewaltmonopol aufgegeben, kritisierte Petzold. Exit mache den Menschen Mut, sich gegen die Gewalt der Nationalsozialisten zu stellen. Laudator Wagner lobte die Unterstützung des Sterns als „tätige Demokratie“.

Dass die Arbeit des Projekts weitergehen kann, dafür setzte sich Anja Stubbe ein, eine weitere Preisträgerin. Als die Bremer PR-Referentin erfuhr, dass die Ausstiegsorganisation keine Förderung durch den Bund mehr erhalten sollte und damit kurz vor dem Aus stand, startete sie die Online-Petition „Save Exit“, mit der sie sich an Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) wandte. Innerhalb von nur neun Tagen sammelte sie 5.463 Unterschriften. Dann war die Petition beendet, weil der Bund die Organisation weitere finanzielle Unterstützung zusagte. Mit ihrer „ehrlichen Empörung“ habe Stubbe gegen eine „leidenschaftliche Gleichgültigkeit“ gesiegt, so Laudator Fabian Wichmann von Exit. Ihr Engagement sei ein Zeichen dafür, dass man auch mit kleinen Aktionen viel erreichen könne.

Kleine Aktionen sind auch die von Irmela Mensah-Schramm, für die die 68-Jährige vielfach ausgezeichnet, aber auch beschimpft und bedroht wurde. Mensah-Schramm entfernt neonazistische Propaganda im öffentlichen Raum, egal ob Aufkleber oder Schmierereien. Und das bereits seit 27 Jahren. Da sie die Propaganda auch dokumentiert, ist daraus mittlerweile ein großes Archiv geworden, das sie Exit zur Verfügung stellte. Diese „Sinnzeichen“, wie Daniel Köhler die Symbole nannte, markierten im öffentlichen Raum, wer wo etwas zu sagen habe. In vielen Teilen der Gesellschaft würden rechte Symbole toleriert und als normal betrachtet werden. Diese Zeichen zu entfernen, sei ein täglicher „Raumkampf“, der zeigen soll, dass sie nicht von allen Menschen hingenommen werden.

Bei den Nationalsozialisten und Rassisten bringe es nichts, sie für ihre Straftaten einfach nur einzusperren, erklärte Diplom-Kriminalist und Ex-Kriminaloberrat Wagner aus Erfahrung. Man müsse bei diesen Menschen eine Veränderung im Kopf bewirken. Deshalb suche man das Gespräch mit ihnen, versuche ihnen zu zeigen, welchen „menschenfeindlichen“ Weg sie eingeschlagen hätten und ihnen den Wert der Freiheit näher zu bringen.

Gastgeber Dieter Hallervorden unterstützt die Organisation gern. „Persönliche Freiheit ist das höchste ideelle Gut“, sagte er. Doch es müsse einhergehen mit Verantwortung. Deshalb müsse man all jenen entgegentreten, die von rechts – oder auch links – die Freiheit gefährden. „Man darf nie unterschätzen, was eine kleine, engagierte Gruppe von Menschen erreichen kann – das gilt für beide Seiten. Ich hoffe, dass unsere Seite die stärkere sein wird“, so Hallervorden weiter. „Die Rechten gehören in ihre Schranken verwiesen.“

Botschafter 2013

Andreas Petzold (stern)

Als EXIT-Deutschland im Jahr 2000 gegründet wurde, war es der tatkräftigen Unterstützung von Andreas Petzold als Chefredakteur
des Magazins stern zu verdanken, dass die Ausstiegsinitiative mit Hilfe eines Startkapitals des sterns die Arbeit aufnehmen konnte.
Andreas Petzold positioniert sich immer wieder klar gegen rechtsradikales und rassistisches Gedankengut in unserer Gesellschaft. Seine prominenten politischen Statements haben viele Menschen und besonders auch die Politik dazu angehalten, sich mit dieser Problematik zu beschäftigen. Sein unermüdlicher Einsatz hat großen Anteil daran, dass die Arbeit von EXIT-Deutschland über die vergangenen 13 Jahre sichergestellt werden konnte. Seit Mai 2013 ist Andreas Petzold Herausgeber des sterns.

Hans-Ulrich Jörges (stern)

Ein Mann der klaren Worte. Seit vielen Jahren äußert sich der stellvertretende Chefredakteur des Magazins stern als politischer Kommentator zu den Entwicklungen in der Bundesrepublik. Wöchentlich erscheint in dem Magazin seine Kolumne „Zwischenruf aus Berlin“ – ein Zwischenruf, der im Fall der fehlenden Finanzierung von EXIT-Deutschland auch ein Weckruf war. Sein Kommentar
„Schämt euch“ knüpfte an Stéphane Hessels „Empört euch“ an und löste eine Welle der aufrechten Empörung aus – klare Worte, die entscheidend zur Weiterfinanzierung von EXIT-Deutschland beitrugen.

Uli Hauser (stern)

stern-Reporter und Mitbegründer von EXIT-Deutschland unterstützt die Ausstiegsinitiative von Anfang an mit großem, persönlichem Einsatz als Mensch und Journalist. Seit er Ende der 90er Jahre im Rahmen eines Beitrags über die rechtsextreme Szene in Thüringen recherchierte, kam er mit dem Thema hautnah in Berührung. Es ließ ihn nicht mehr los, und er wollte mehr tun, als nur darüber zu schreiben.

Anja Stubbe für die Petition „Save EXIT-Deutschland“

„Ich konnte nicht verstehen, warum ein vergleichsweise niedriger Betrag nicht aufzubringen sein soll, wenn eine Organisation wie
“EXIT” so offensichtlich gute Arbeit macht”. Mit einer Petition auf Change.org half Anja Stubbe mit, das drohende Ende der
Ausstiegsorgansation EXIT-Deutschland im Frühjahr dieses Jahres abzuwenden. Nach wenigen Tagen forderten über 5.000 Menschen
eine Fortführung von EXIT-Deutschland. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man merkt, dass es lohnt, sich zu engagieren.“

Irmela Mensah-Schramm für das „Irmela-Mensah-Schramm-Archiv”

Die ehemalige Lehrerin Irmela Mensah-Schramm engagiert sich seit rund 26 Jahren gegen Rechtsextremismus. Unermüdlich
dokumentiert und entfernt sie bundesweit rechtsradikale Schmierereien und Aufkleber im öffentlichen Raum und trägt damit zu Aufklärung und Diskussion bei. Mit einer eigenen Ausstellung führt sie in Schulklassen zahlreiche Projekte gegen Rassismus und Gewalt durch. Frau Mensah-Schramm hat ihr umfangreiches Material, das ein erschreckendes Dokument des blinden Hasses gegenüber allem Fremden ist, dankenswerterweise EXIT-Deutschland zur Verfügung gestellt. Zusammen mit der Ehrung von Frau Irmela-Mensah-Schramm wird das „Irmela-Mensah-Schramm-Archiv“ unter wissenschaftlicher Verwaltung von EXIT-Deutschland eröffnet.

Wir danken dem Schlosspark Theater für die freundliche Unterstützung.

Die Veranstaltung wurde mit gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.