11. Juli 2012

Zwischen den Fronten: Ehemalige Neonazis berichten über ihren Ausstieg aus der Szene

Eine Schwarze Sonne ziert sein Bein, ein Symbol, das aus zwölf Siegrunen besteht. Sie ist nur manchmal zu sehen, wenn die kurze Hose beim Gehen nach oben rutscht. Wer nicht weiß, dass Christian Ernst Weißgerber früher aktiver Neonazi war, würde das Nazi- und SS-Symbol vermutlich kaum bemerken oder es für ein ganz normales Tattoo halten. Seit anderthalb Jahren ist der gebürtige Eisenacher zusammen mit seinem Kumpel Steven Hartung Teilnehmer im Aussteigerprogramm von Exit. Die vom ehemaligen Kriminaloberrat Bernd Wagner und dem Nazi Aussteiger Ingo Hasselbach gegründete Initiative begleitet Neonazis auf ihrem Weg aus der Szene.

Immer wieder werden Steven und vor allem Christian von Antifaschisten Vorwürfe gemacht, dass sie nicht richtig ausgestiegen wären, sich zwar nicht mehr mit alten Kameraden treffen, aber immer noch der alten Ideologie anhängen würden. Teile des ehemaligen Verbandes Antifaschistische Gruppen Südthüringen (AGST) sind sich sicher, dass die beiden nichts mehr mit aktiven Nazis zu tun haben oder deren Veranstaltungen besuchen. „Alles weitergehende ist komplizierter“, antworten sie auf eine E-Mail-Anfrage.

Erst vor Kurzem wurden die beiden Aussteiger erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Seit sechs Semestern studiert Christian Philosophie an der Uni Jena. Auch Steven ist seit zwei Semestern in diesem Studienfach in der Saalestadt eingeschrieben. Beide engagieren sich im Fachschaftsrat Philosophie. In diesem Semester organisierten sie zusammen mit anderen Studenten eine Vortragsreihe über Hegel. Einer der geladenen Referenten hatte im Vorfeld im Internet recherchiert und war fälschlicherweise davon ausgegangen, Christian sei immer noch aktiver Neonazi gewesen. Was folgte, war ein langes Gespräch mit Soziologieprofessor Dr. Hartmut Rosa, einem von zwei Schirmherren der Reihe. Am Ende unterzeichnete Christian ein Schreiben, in dem er versichert, keine Nazi-Propaganda zu betreiben. Im Gegenzug bürgte Rosa dafür, dass Christian die Veranstaltung nicht politisch instrumentalisiert.

Die AGST kritisieren Christians Engagement in der Fachschaft. Sie schreiben: „Wir hätten es besser gefunden, wenn die beiden erstmal aus universitären Institutionen ferngehalten worden wären.“ Diese Kritik findet Christian anmaßend und entgegnet den Vorwürfen: „Mir hat die Arbeit im Fachschaftsrat geholfen, nachdem ich mich von meinem alten Umfeld getrennt hatte, einen neuen Freundeskreis aufzubauen und mich anderweitig zu engagieren.“

Zu Beginn seines Studiums hatte er noch nicht mit seiner Ideologie gebrochen und bekam es prompt mit der Jenaer Antifa zu tun. Diese outete ihn als Nazi und verteilte in der Umgebung seiner Wohnung Flyer an die Anwohner. Auch sein Briefkasten wurde in der Zeit mehrfach das Ziel von Säure- und Böllerattacken.
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Noch heute sind Graffiti-Stencils mit Christians Gesicht auf Stromkästen und Laternenpfählen zu sehen. Doch schon damals hätte er Zweifel gehabt, ob das, was er da tut, noch das Richtige ist, erzählt der 23-Jährige. Kurz darauf begann sein Rückzug aus der Szene.

Reingekommen ist er „durch Interesse an Geschichte. Ich habe mich viel mit Geschichtsrevisionismus auseinandergesetzt. Über Bekannte und Musik bin ich dann in der Szene gelandet. Außerdem hatte ich noch das typische Elternhaus, bin relativ autoritär aufgewachsen und nur mit meinem Vater groß geworden. Meine Schwester wurde vom Jugendamt rausgeholt.“ Zu Beginn seiner „Karriere“ in der Nazi-Szene war er eher völkisch angehaucht und kam später zu den Autonomen Nationalisten. Dort traf er auf seinen späteren Kumpel Steven. Gleichzeitig wandelte sich auch sein Weltbild und er fing an, Karl Marx und andere linke Autoren zu lesen. „Meine krasseste Zeit ist so mit 17, 18 Jahren gewesen, als ich ein wirklich typischer völkischer Nazi war“, erinnert sich Christian.

Auch Steven ist hauptsächlich über die Musik reingekommen. „Ich denke, wenn ich jetzt zurückblicke, hat das daran gelegen, dass ich aus einer dörflichen Gegend komme, wo es nur rechtes Gedankengut gibt. Irgendwie wollte man zu dieser Gemeinschaft dazugehören.“ Eine Zeit lang trat Christian als Sänger und Gitarrist mit seiner Band „Novus Ordo Mundi“ bei Konzerten auf, hielt Reden auf Demonstrationen. Vor seinem Ausstieg zählte er zu den bekanntesten Neonazis in Thüringen und drehte Beiträge für „Media pro Patria“, ein Videoprojekt der Autonomen Nationalisten. Darin vertrat er den Standpunkt, dass die Ausländer nicht schuld seien, dass Deutsche keine Arbeit finden, sondern der Kapitalismus und das aus ihm hervorgehende System.

Aufgrund solcher Videos werfen Antifaschisten aus Jena den beiden Aussteigern Querfrontstrategien vor. Diese vor allem in Thüringen weit verbreitete Aktionsform versucht klassisch linke Themen wie Kapitalismuskritik und Antiimperialismus zu instrumentalisieren und Gemeinsamkeiten zu konstruieren. „Es ist so gewesen, dass wir unsere Reputation verwenden konnten, um in die Szene hineinzuwirken. Das ist jedoch gescheitert und das war der Punkt, an dem wir gesagt haben:‚,Okay, wir können da nichts erreichen, unsere Weltanschauung passt nicht mehr dazu.‘ Das ist Propaganda für Nazis gewesen, nicht für Linke oder für unpolitische, sondern für Nazis.“ Auch aus den eigenen Reihen kam Kritik und der Vorwurf, die eigenen Ideale verraten zu haben. Denn schon damals lehnten sie Fremdenfeindlichkeit ab: „Wir haben uns früher selber als antifaschistisch gesehen und historischen Faschismus abgelehnt“, erklärt Christian seine ehemalige Haltung.

Heute distanzieren sie sich von diesen Videos und ihrer damaligen Ideologie. Der Ausstieg war für beide nicht leicht. „Das war meine Familie zu der Zeit“, sagt Christian rückblickend. „Zum Glück hatte ich auch noch unpolitische Freunde. Vielen fällt der Ausstieg vor allem aufgrund des Verlustes der Freunde besonders schwer.“

Von den ehemaligen Kameraden, unter anderem dem Freien Netz Jena, werden sie im Internet beschimpft und als halbstarke geltungssüchtige Mitläufer denunziert. Wirklich ernst nehmen Steven und Christian diese Interneteinträge jedoch nicht, denn sie wissen, welche Köpfe dahinter stehen. „Diese Gruppe hat teilweise einen Unsinn gemacht. Nehmen wir mal was lustiges: Der eine Kollege hatte auf dem Mittwochs-Treffen angefangen: ,So, jetzt ist auch bald wieder 10. Mai‘ und ich denke mir: ,1. Mai kenne ich, 8. Mai kann ich mir auch noch erklären, aber was ist am 10. Mai gewesen?‘ und dann haut er trocken raus‚,Bücherverbrennung‘. Da sagte er dann ,Naja, wie wärs denn, wenn wir uns vors Rathaus stellen und mal ein paar Bücher verbrennen? Wär das nicht cool?‘ Das hat der echt ernst gemeint“, erinnert sich Christian lachend. „Dort wurde solcher Unsinn tatsächlich ernsthaft diskutiert.“

Zur Aufarbeitung der damaligen Zeit habe auch das Philosophiestudium entscheidend dazu beigetragen, erklärt er. Im neuen politischen Umfeld in der Studierendenschaft konnte der Ausstiegsprozess unterstützt werden und wurde zusätzlich durch Gespräche mit Dozenten und Kommilitonen verstärkt.

Doch auch nach zweieinhalb Jahren Rückzug und Ausstieg aus der Szene kommt es vor, dass sie von Kommilitonen auf die braune Vergangenheit angesprochen werden. „Aber da sind wir ganz offen und erklären alles“, sagt Steven. „Früher hatte ich überall Hausverbot in den Kneipen und Clubs, aber es ist eigentlich nicht mehr so, dass ich rausgeschmissen werde, außer wenn ich barfuß ins Flower Power gehe“, erzählt Christian, der genauso wie Steven auch im Winter barfuß unterwegs ist und schon lange vegan und ohne Alkohol lebt.

Was bleibt, sind Interneteinträge, die Graffiti in der Stadt und die Tattoos auf dem eigenen Körper. Letztere wollen sich Steven und Christian entfernen lassen, sobald sie das Geld dafür zusammen haben.

Jan-Henrik Wiebe

Zuerst erschienen am 5.7.12 im Studentenmagazin Akrützel aus Jena. Mit freundlichen Genehmigung durch www.akruetzel.de/