10. September 2026

Raus aus dem Extremismus: Wie Exit-Deutschland beim Weg in ein neues Leben unterstützt

Von: Patrick Schneider

Erschienen am 10.08.2026 in Freie Presse

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

„Freie Presse“: Eine Gruppe zu verlassen, die zu Gewalttaten bereit ist und in die man tiefeingebunden war, ist sicher alles andere als unproblematisch.

Bernd Wagner: Ja, ich habe gerade einen jungen Mann begleitet, der erzählte, dass seine Kameradenbegannen, sich Waffen zu beschaffen. Bis dahin hatte er vieles mitgetragen. Dieser Punkt brachte seine gesamte Überzeugung ins Wanken. Das ist jedoch gefährlich, denn in militanten Gruppen gilt ein Ausstieg als Verrat. Wir erleben immer wieder, dass nicht nur die Aussteiger selbst bedroht werden, sondern auch ihre Angehörigen.

FP: Wie begleiten Sie Menschen konkret in dieser Phase?

Wagner: Zunächst geht es darum, die Person sicher aus der Szene herauszubringen. Das ist oft ein hochkomplexer Prozess. Sobald die ehemaligen Kameraden merken, dass jemand aussteigen will, versuchen sie häufig, ihn zurückzuholen oder ihn zu bestrafen. Deshalb entwickeln wir gemeinsam mit den Betroffenen ein individuelles Schutzkonzept. Dazu gehört zunächst, alle Spuren zu identifizieren, über die die Person auffindbar ist, etwa bei Behörden, Krankenkassen, Arbeitgebern oder im persönlichen Umfeld. Wir prüfen gemeinsam, wo Informationen hinterlegt sind und wie sich diese Zugänge absichern lassen.

FP: Klingt nach einer großen Herausforderung.

Wagner: Das Problem ist nicht nur die eigentliche Gruppe, sondern ihr Umfeld. Rechtsextreme Netzwerke reichen bis in verschiedene gesellschaftliche Bereiche. Immer wieder werden Personen bekannt, die in Behörden oder Sicherheitsstrukturen Informationen weitergeben. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Aussteiger können nicht nur von ehemaligen Kameraden bedroht werden. In Einzelfällen werden sie auch von antifaschistischen Gruppen öffentlich als ehemalige Neonazis identifiziert. Dann beginnt für manche Betroffene die nächste Form der Stigmatisierung. Sie geraten zwischen die Fronten, von der rechten Szene als Verräter betrachtet, von anderen dauerhaft auf ihre Vergangenheit reduziert. Das macht deutlich: Ein Ausstieg endet nicht mit dem Verlassen der Szene. Für viele beginnt danach ein langer Weg zurück in ein normales Leben.

FP: Sie haben eingangs den jungen Mann erwähnt, dem es zu viel wurde, als es an die Waffen ging. Ist das bei den meisten der entscheidende Wendepunkt?

Wagner: Tatsächlich gibt es sowohl für die Radikalisierung als auch für den Ausstieg typische Muster. Deshalb versuchen wir zunächst herauszufinden, an welchem Punkt sich die Person gerade befindet. Dabei meldet sich nicht immer der Betroffene selbst. Oft rufen auch Eltern, Geschwister, Sozialarbeiter oder Mitarbeitende aus Justizvollzugsanstalten an und bitten um Hilfe. Viele der Menschen, die zu uns kommen, waren tief in militanten neonazistischen Gruppen oder Organisationen verankert. Der Einstieg beginnt häufig schon früh, über das soziale Umfeld, manchmal auch über das Internet. Schritt für Schritt übernehmen sie eine Ideologie, die Demokratieablehnt und gesellschaftliche Veränderungen mit rassistischen oder völkischen Vorstellungen verbinden will. Es folgt meist eine Phase großer Begeisterung. Die Betroffenen investieren enorm viel Zeit und Energie in die Szene, engagieren sich in Gruppen, verbreiten Propaganda oder begehen Straftaten. Gleichzeitig wächst die Abschottung nach außen. Die Gruppe wird zum Lebensmittelpunkt, Zweifel werden kaum zugelassen, und jede Grenzüberschreitung stärkt oft sogar den inneren Zusammenhalt. Irgendwann entstehen jedoch bei vielen erste Risse. Manche sind erschöpft und ausgebrannt, andere erleben Widersprüche zwischen ihrer Ideologie und der Realität. Wieder andere schrecken zurück, wenn Gewalt eine neue Dimension erreicht.

FP: Was raten Sie Angehörigen ganz konkret? Wie können sie helfen, wenn sie den Eindruck haben, dass sich jemand radikalisiert?

Wagner: Zunächst geht es darum, die Radikalisierung möglichst genau einzuordnen. Angehörige sollten beobachten: Wie weit ist die Entwicklung fortgeschritten? Handelt es sich um provokante Äußerungen oder bereits um eine extremistische Haltung? Welche Gruppen spielen eine Rolle? Solche Informationen helfen uns einzuschätzen, wo die betroffene Person steht. Ebenso wichtig ist die Frage, ob es bereits erste Zweifel gibt. Äußert die Person Frust über die Szene? Fühlt sie sich unter Druck? Sagt sie, dass ihr das alles zu viel wird? Solche Signale können darauf hindeuten, dass sie innerlich beginnt, sich zu distanzieren. Auf dieser Grundlage beraten wir die Angehörigen. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, wie sie den Kontakt aufrechterhalten und die Person unterstützen können, ohne sie weiter in die Szene zu treiben.

FP: Wie viele Fälle begleiten Sie pro Jahr?

Wagner: Jährlich begleiten wir etwa 40 bis 60 Ausstiegsfälle. Die Zahl ist seit vielen Jahren erstaunlich konstant. Insgesamt haben wir inzwischen fast 1.100 Menschen beim Ausstieg begleitet. Dabei unterstützen wir nicht nur Menschen aus der rechtsextremen Szene, sondern auch Aussteiger aus anderen extremistischen Milieus, etwa dem Linksextremismus oder islamistischen Strukturen sowie dem Bereich Organisierter Kriminalität. Hinzu kommen zahlreiche Beratungen von Angehörigen, Fachkräften und Behörden. Nach meiner Berechnung hat unsere Arbeit der Gesellschaft bislang Folgekosten in einer Größenordnung von rund 100 Millionen Euro erspart. Die Schätzung basiert auf früheren Kostenansätzen von Bund und Ländern sowie den von uns tatsächlich begleiteten Ausstiegsfällen. Dabei geht es um vermiedene Kosten für Polizei, Justiz, Strafvollzug und weitere Folgekosten. Trotzdem erhalten wir heute für diese Arbeit praktisch keine staatliche Förderung mehr.

FP: Wie finanziert sich Exit-Deutschland heute?

Wagner: In erster Linie durch Spenden. Früher waren wir auch über Bundesprogramme gefördert. Diese Unterstützung ist jedoch weggefallen. Aus unserer Sicht hängt das mit einer veränderten Ausrichtung der staatlichen Extremismuspolitik zusammen.

FP: Was meinen Sie damit?

Wagner: Ich habe den Eindruck, dass sich die staatlichen Schwerpunkte in den vergangenen Jahren deutlich verschoben haben. Aus meiner Sicht wird Ausstiegsarbeit heute nicht mehr als so zentralangesehen wie früher. Diese Entwicklung halte ich für einen Fehler, weil wir täglich erleben, wie wichtig langfristige Begleitung für Menschen ist, die den Extremismus verlassen wollen.

FP: Was bedeutet das für Sie in der täglichen Arbeit konkret?

Wagner: Wir müssen uns inzwischen auf das Nötigste konzentrieren. Viele Unterstützungsleistungen, die wir früher anbieten konnten, sind heute aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich. Dazugehören etwa Umzugshilfen oder die Unterstützung bei der Entfernung rechtsextremer Tätowierungen. Gerade Tattoos sind für viele Aussteiger ein großes Problem. Wer Hakenkreuze oder andere extremistische Symbole sichtbar auf dem Körper trägt, hat es oft schwer, einen Arbeitsplatz oder überhaupt einen Neuanfang zu finden. Früher konnten wir dabei helfen, die Kosten für das Entfernen oder Überstechen zu organisieren. Heute können wir meist nur noch beraten, an wen sich die Betroffenen wenden können. Das war nie unser Anspruch. Wir wollten Menschen nicht nur beim Ausstieg beraten, sondern sie auf dem Weg in ein neues Leben ganz praktisch begleiten. Dafür fehlen uns heute zunehmend die finanziellen Möglichkeiten.

FP: Neben der Finanzierung: Was hat sich seit der Gründung von Exit-Deutschland im Jahr 2000 in der Extremismus Arbeit am stärksten verändert?

Wagner: Die Idee hinter EXIT entstand schon Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre. Damals haben wir, zunächst noch im Umfeld der Polizei, den Grundsatz entwickelt: Der beste Täter ist der, der keiner mehr ist. Nachhaltige Veränderungen erreicht man nicht allein durch Repression, sondern indem Menschen aus eigener Überzeugung aus dem Extremismus aussteigen. Dazu gehörte für uns, Rechtsextremisten nicht nur strafrechtlich zu begegnen, sondern ihnen Alternativen aufzuzeigen und sie beim Ausstieg zu begleiten. Aus dieser Idee entstand zunächst das Zentrum Demokratische Kultur und im Jahr 2000 schließlich Exit-Deutschland. Damals konnten wir uns noch an einem relativklaren Extremismus Begriff orientieren, wie er im Rechtsstaat und in der Sicherheitspolitik verwendet wurde. Heute ist das deutlich schwieriger. Die Grenzen zwischen extremistischen Milieus sind unschärfer geworden, das gilt nicht nur für den Rechtsextremismus, sondern auch für andere ideologische Bereiche. Dadurch ist es schwieriger zu bestimmen, wer tatsächlich als Extremist einzustufen ist. Wir orientieren uns deshalb weiterhin an zwei Kriterien: einer ideologischen Radikalisierung und dem Anspruch, diese Ideologie missionarisch weiterzuverbreiten. Und dabei auch Aggression und Gewalt einzusetzen. Das bleibt für uns der zentrale Maßstab.