20. Dezember 2015

Jahresrückblick 2015

Es war viel los in diesem Jahr… Habt Ihr im Moment überhaupt die Zeit, das Jahr 2015 zu analysieren?

EXIT: 2015 war auch ein Jahr der Auszeichnungen für uns. Wir haben in diesem Jahr zum zweiten Mal den Politikaward gewonnen und wurden u. A. mit dem deutschen wie auch internationalen Fundraising Preis ausgezeichnet. Die gründliche Analyse des Jahres ist natürlich ein Prozess, der noch ansteht. Die gesellschaftlichen Entwicklungen 2015 allerdings hatten unmittelbaren Einfluss auf unsere Arbeit.

… Die Stimmung in der Bevölkerung hatte also schon Einfluss auf die konkrete Begleitung einzelner Aussteiger?

EXIT: Aber selbstverständlich: Wir führen eine gesamtgesellschaftliche Debatte, die sich auch in der Ausstiegsbegleitung niederschlägt. Wollen ‘wir’ Flüchtlinge, oder wollen ‘wir’ ‘sie’ nicht. Gut oder böse – das notwendige dazwischen ist oftmals schwer zu finden. Vielerorts droht in dieser Debatte eine Spaltung der Gesellschaft in „pro“ und „contra“. Über Jahre gekannte Verhältnisse werden nun breit in Frage gestellt, das alles sind Prozesse, die an Aussteigern sicher nicht vorüberziehen, die ihnen häufig nicht fremd sind und die auch den ein oder anderen von ihnen noch einmal nachdenken lässt: „Wo stehe ich, in dieser Zeit?“

Normalerweise stehen bei Euch zum Ende eines Jahres ja eher die Finanzierungsprobleme an, fast schon Traditionell. Da ist nun alles geregelt?

EXIT: Naja, die langfristige Finanzierung der Arbeit von EXIT-Deutschland ist natürlich weiter ein Thema, aber wir können da Fortschritte vermelden: Bundesweit angelegte EXIT-Ausstiegshilfen in Sachen Rechtsradikalismus werden zur Entwicklung hin zu einem bundeszentralen Träger bis 2019 über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durch das Programm „Demokratie Leben“ mit jährlich 225.000 Euro gefördert.

Dies verschafft uns im Rahmen eines Grundkonzepts mittelfristige Handlungs- und Planungsmöglichkeiten. Das verdeutlicht, dass der Relevanz unserer Arbeit im fünfzehnten Jahr des Bestehens von EXIT-Deutschland im der Politik eine gewisse Bedeutung beigemessen wird.

Dennoch: Für die Co-Finanzierung, also den Teil den wir für Finanzierung durch den Bund beibringen müssen, ist EXIT allerdings weiterhin auf Spenden angewiesen. Daher freuen wir uns hier immer über Unterstützung.

… Spenden sind ein gutes Stichwort. Rechts läuft gegen Rechts und Hass hilft gegen Hass – wie wichtig sind die Projekte #hasshilft und #rechtsgegenrechts denn konkreter für Euch, auch finanziell?

EXIT: Zunächst möchte ich betonen, dass #rechtsgegenrechts ebenso wie #hasshilft bei weitem nicht ‘nur’ Exit finanziell unterstützen, sondern auch andere gesellschaftlich wichtige Organisationen, wie etwa die „Aktion Deutschland hilft“, die in der praktischen Unterstützung von geflüchteten Menschen in Deutschland tätig ist. Allein 14 unfreiwillige Spendenläufe gab es 2014, davon gingen die Spenden von zwei Läufen an EXIT. Das ist nicht nur von finanzieller Bedeutung, sondern auch für die Botschaft, die wir vermitteln möchten – alternative Wege in der Auseinandersetzung mit freiheitsfeindlichen Ideologien aufzuzeigen.

Die Umsetzungen von Rechts gegen Rechts, bzw. Rechts gegen Rechts 2.0 (#hasshilft) sind für die Spendenakquise klar wichtig, aber auch, weil die erstrittenen Gelder meist auch zweckgebunden sind: für die Entfernung von Neonazi-Tattoos erliefen die Neonazis in Bad Nenndorf 2.400 EUR, während sie im bayerisch/fränkischen Ort Wunsiedel einen Großteil der 10.000 EUR auch für den Ausbau der Ausstiegsangebote in Bayern und Franken unfreiwillig erlaufen haben.

Die Trojaner Shirt- Aktion 2011, überdimensionale Plakat-Aktionen 2012/2013 direkt an rechtsradikalen Aufmarschrouten und nun ‘Rechts gegen Rechts’ – Geht Exit immer näher ran an die Szene? – Und wenn ja: ist es nicht kontraproduktiv für euer Angebot gegenüber Ausstiegswilligen Neonazis, so konfrontativ vorzugehen?

EXIT: Der Reihe nach: Ja, wir gehen auch physisch ‘nah ran’ an die Zielgruppe. Aber ist das wirklich Kontraproduktiv? Nein. Unserer Erfahrung nach ist dies für unser Ziel, Aussteiger aus dieser Szene zu erreichen und in ihrem Schritt zu bestärken alles andere als kontraproduktiv. EXIT hat seit jeher einen nichtaufsuchenden Ansatz, was bedeutet, dass wir im Kern nach dem Prinzip der Freiwilligkeit arbeiten. Daher muss zumindest ein artikuliertes Ausstiegsanliegen oder der Wille zu Veränderung vorhanden sein. Für dieses Herantreten kann unsere Präsenz „direkt vor Ort“ quasi nicht wahrnehmbar genug sein.


Es ist kein Widerspruch, Neonazis zu zeigen, dass wir sie in all ihren Denkmustern ablehnen, gleichzeitig aber den zweifelnden Neonazi-Aktivisten zu signalisieren: Wenn ihr zweifelt, sind wir da und gehen den Weg mit Euch gemeinsam. Dies ist seit Anbeginn auch ein Grundsatz in der Arbeit von EXIT-Deutschland. Es geht uns dabei darum Dissidenz-Prozesse anzustoßen und Zweifler zu bestärken.

Sind denn in der Praxis schon Neonazis „für ihren eigenen Ausstieg“ gelaufen, oder sind die Projekte dafür noch zu jung?

EXIT: Nähere Details kann ich nicht nennen, aber: Wir hatten inzwischen zum Beispiel mehrere Anfragen von Personen, die schon mindestens einen unfreiwilligen Lauf absolvierten und damit schon zu ihrer Zeit als Neonazi-Aktivist ihren eigenen Ausstieg unterstützt haben. Wer weiß, ob diejenigen jeweils wirklich den Weg auch zu uns gefunden hätten, wären wir nicht im richtigen Moment am richtigen Ort präsent gewesen. Diese Formate haben unsere Bekanntheit gesteigert, auch innerhalb der Szene.

… Doch auch jenseits von Rechts gegen Rechts hat sich EXIT irgendwie ausgebaut: Ihr habt jetzt einen Ableger im Süden, oder wie darf man das verstehen?

EXIT: Die „Aussteigerhilfe Bayern“ war als Partner schon seit Ende 2011 für uns verfügbar, wenn es um konkrete Fälle von Ausstiegsbegleitung in Bayern ging. Wir haben seit 2015 eine neue Form der Zusammenarbeit gewählt und damit auch ein Versprechen eingelöst (womit wir wieder beim Thema von gerade eben wären…): den deutlich sichtbaren Ausbau des Ausstiegsangebotes im Süddeutschen Raum nach ‘rechts gegen rechts’.

Regional ausgebaut – trotzdem seid ihr in der internationalen Wahrnehmung gleichzeitig präsenter geworden!?

EXIT: Neben der lokalen, praktischen Verortung unserer Ausstiegshilfen mit verschiedenen Partnern in verschiedenen Bundesländern zeigt sich auch ein zunehmendes internationales Interesse an den Ansätzen und Methoden von EXIT-Deutschland. Dabei sind wir regelmäßig im Rahmen der Aktivitäten unseres Trägers dem Zentrum Demokratische Kultur in diversen Arbeitsgruppen der Europäischen Kommission inhaltlich präsent, haben uns an verschiedenen Aktivitäten der UN im Bereich Deradikalisierung beteiligt und pflegen kooperative Verhältnisse und Meinungsausstausch mit Partnern im europäischen Ausland, wie z.B. Schweden, England, Polen oder Italien. Erst kürzlich lief eine Zusammenarbeit des Zentrums Demokratische Kultur mit der OSZE und serbischen Regierungsvertretern auch ganz zentral mit EXIT-Inhalten.

Der Ausblick – was bleibt beim Kern Eurer Arbeit, der Ausstiegsbegleitung, aus diesem Jahr?

EXIT: In diesem Jahr konnten wir unsere Fallzahl seit Gründung von EXIT-Deutschland auf eine Zahl über 616 anheben. Zumeist handelt es sich weiterhin um Frauen und Männer aus dem hochradikalisierten Feld, die sich (und andere) dort über Jahre hinweg radikalisierten und in bundesweit relevanten Gruppierungen aktiv waren.

Dementsprechend vielschichtig ist auch unser Part bei der Unterstützung in der Loslösung. Dabei geht es zum Teil um Familienzusammenhänge, Mehrfachausstiege oder Prozesse, die sich über einen mehrjährigen Zeitraum hinziehen können.

Hilfen sind im Case-Management allen möglichen Lebensbereichen und –lagen notwendig: Sicherheit, Integration, Arbeit und Lernen, Familie …, die nicht mit klassischen sozialpädagogischen Maßnahmen abzuhandeln sind. Allein die maßnahmen Planung und die Maßnahmen zur Sicherung von Leib und Leben sind komplexe Angelegenheiten, die Sicherheitsdenken, juristisches Know How und viele andere Kenntnisse, so über die Arbeitsweisen von Polizeien, Nachrichtendiensten und verschiedenen Ämtern bis zum Datenschutz provozieren. Ähnliches ist es um die ideologische Aufarbeitung bestellt, die ein breites politisches und historisches persönliches und kollektives Wissen bereitzustellen hat. Unterstützung erhalten wir im Case-Management nun wegen der Komplexität auch in psychologische Richtung vom Modellprojekt DNE – dem Diagnostisch-therapeutischen Netzwerk Extremismus, was die Standards in der Ausstiegsbegleitung noch einmal angehoben hat.

Nun ergibt sich natürlich noch eine Frage: 616 Menschen, das ist eine ganze Menge. Was passiert mit ihnen, wenn der Ausstieg ‘erreicht’ ist?

EXIT: Im privaten orientieren diese Menschen sich dann natürlich völlig unterschiedlich. In diesem Jahr haben wir aber auch den „AKTIONSKREIS ehemaliger Extremisten“, indem – wie der Name schon sagt – ausgestiegene Menschen gemeinsam Lösungsansätze zur Deradikalisierung erarbeiten, weiter ausbauen und stabilisieren können. Unsere Initiative Hasshilft wird bewusst durch den Aktionskreis maßgeblich unterstützt.

2015 fanden darüber hinaus drei Veranstaltungen explizit unter dem Label des AKTIONSKREISes statt. Es handelte sich um inhaltliche Diskussionsveranstaltungen, gerichtet an ehemalige Rechtsradikale sowie auch Ex-Islamisten und Fachpublikum. Dies wollen wir künftig weiter ausbauen, damit einen Raum für Austausch schaffen um gleichzeitig Möglichkeiten der Intervention und Prävention gemeinsam erörtern zu können.

Aber, um den Bogen zum Ende zu spannen: Wir sprechen damit schon von 2016. Die kommenden Tage werden auch wir erst mal damit verbringen, uns zu besinnen…

In diesem Sinne: Vieles hat sich geändert im Jahr 2015, aber das Bewährte wird bleiben. Unsere – inzwischen als Tradition zu wertende – alljährliche Weihnachtskarte im gewohnten Stil, mit den besten Wünschen für 2016!